Farbe wird Klang

Ein Portraitkonzert mit Musik von Rebecca Saunders am 14.4.2010 in der Hochschule für Musik in Dresden.

Die Zeiten ändern sich, und wir uns mit ihnen. So wagt auch die Dresdener Staatskapelle, Hort der musikalischen Tradition, den Spagat zur Moderne und benennt seit ein paar Jahren jede Saison einen Komponisten für die Position ihres sogenannten „Capell-Compositeurs“. (Mit C, bitte!) In dieser Spielzeit hat die 1967 geborene britische Komponistin Rebecca Saunders das Amt dieses, modern gesprochen, „composer in residence“, übertragen bekommen. Das tatsächliche Ergebnis dieser Zusammenarbeit ist, von zahlreichen enthusiastischen Presseankündigungen abgesehen, allerdings bis jetzt eher spärlich gewesen: Nach einer – in Dresden vom Publikum verhalten aufgenommenen – Uraufführung des Orchesterstückes „traces“ zu Saisonbeginn ist erst für Juni die Aufführung eines neuen Orchesterwerkes sowie eines Konzertes für Kontrabass und Orchester geplant.Mehr Aktivität entfaltet sich dagegen an der Hochschule für Musik, wo dieser Tage eine Projektwoche in Zusammenarbeit mit der Komponistin stattfand, deren Abschluß ein von Studenten gestaltetes Portraitkonzert darstellte. Obwohl als Gesprächskonzert angekündigt, beschränkte sich der Gesprächsanteil des Abends, Saunders´ Wunsch folgend, auf ein kurzes Interview, das der Initiator der Projektwoche und Leiter des KlangNetz Dresden, Dr. Jörn-Peter Hiekel, moderierte.
Den Auftakt des Programms machte Saunders´ 1996 entstandenes Trio „the under side of green“ für Klarinette, Violine und Klavier. Konzentriert und aufmerksam im Zusammenspiel widmeten sich die drei Musikerinnen dem Stück, verfügten aber nicht über die nötige Souveranität, die Klanggesten zu einem großen Spannungsbogen zu verbinden. So blieb leider auch der Clou des Stückes, das demonstrative Zuschlagen des Klavierdeckels am Ende, ohne den beabsichtigten dramatischen Effekt.

Die Gesten – ein unverkennbares Element von Rebecca Saunders´ Musik. Sie läßt Klänge ausgreifen, reagieren, sich entfalten und sich ineinander verwandeln. Zugleich bewundert sie, wie sie selbst zugibt, die schillernden, zeitlos-statischen Tongebilde Morton Feldmans: sie seien „wie eine Skulptur, die im Raum schwebt… so etwas Ruhiges wollte ich auch komponieren können.“

Auf ihren eigenen Wusch wurden daher in das Portraitkonzert außer ihren Stücken auch ein Werk von Feldman (For Frank O´ Hara) sowie Mark Andre (IV 3 für Soloklarinette) aufgenommen. Die Berührungspunkte sind nicht zu verkennen: nicht nur im folgenden „Quartet“ von 1998, sondern noch mehr im Schlußstück des Konzertes, „into the blue“ wird die Annäherung Saunders´ an Feldman offenbar. Bläser und Streicher spinnen Töne zu Linien und Flächen, sekundenlang scheint der Klang zu schweben, die Zeit hält wie bei Feldman den Atem an – doch die folgende Stille, gefolgt von einem perkussiven Einsatz, bringt wieder Unruhe ins Spiel. Akustische Fremdkörper im Ensembleklang sind Geräuschquellen aus dem Alltag: eine Trillerpfeife, eine elekrische Klingel. Solche „Störfaktoren“ erscheinen häufig in ihren Werken, „rauhen“ den Klang auf und integrieren sich, mal poetisch, mal ironisch, in das Ensemble.

Bild – Form – Skulptur – Farbe: die Affinität zur bildenen Kunst ist in Rebecca Saunders´ Werk allgegenwärtig. Viele ihrer Stücke sind mit Farben betitelt: „crimson“, „into the blue“, „blue and gray“, und die Farbigkeit bestimmt die Instrumentation. Oft ist die Klarinette mit im Spiel, auch Akkordeon, Klavier und Kontrabass verwendet Saunders gerne in ihren Ensemblestücken. Obwohl ihre Musik organisch geformt erscheint, verbirgt sich hinter der Oberfläche eine zwingende Struktur, nichts ist bloße Improvisation. In der Leichtigkeit, wie Farben und Muster miteinander verwoben werden, fühlt man sich mal an Paul Klees feine Zeichnungen erinnert, mal an die explosive Ausdruckskraft abstrakter expressionistischer Malerei.

Dabei verlangt Saunders´ Musik, wie auch die Morton Feldmans, stets ein feines Gespür für die „Farbpalette“ des Ensembleklangs, sowie eine gut aufeinander eingestimmte Gruppe von Mitspielern. In beiden Fällen zeichnete sich das Ensemble für Neue Musik der Hochschule für Musik Dresden (Leitung: Lennart Dohms) aus. Engagiert und sensibel erfühlten sie nicht nur Saunders´ musikalische Gesten, sondern balancierten auch die fragile Spannung von Feldmans „For Frank O´ Hara“. Albrecht Scharnweber, Klarinette, lotete mit Mark Andres Solostück die Grenze zwischen Klang, Stille und Geräusch aus. Das Experimenthafte des Stückes, das ein mitschwingendes Paukenfell ebenso einbezieht wie raschelnde Alufolie und das weiße Rauschen aus einem Radiorecorder, ließ aufhorchen und erschloß im Gegensatz zu Saunders´ stets dramatisch inszenierten Klanggebilden eine sehr introvertierte Form von akustischer Wahrnehmung. Leider gelang es Andre aber in seinem Werk nicht, aus den größteils im pianissimo stattfindenen Aktionen eine formal und klanglich stimmige Gestalt zu formen. Trotz einiger gut ausgehörter und ausgetüftelter Effekte erfüllte „iv 3“ nicht die Erwartungen, die sich angesichts der ungewöhnlichen Requisiten auftaten.

Trotzdem bot der Konzertabend ein stimmiges Bild und machte neugierig auf „Mehr“. Vom Engagement, das die HfM für die Aufführung und Vermittlung von Rebecca Saunders´ Musik an den Tag legt, sollte sich allerdings die Staatsoper noch anstecken lassen.

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