Britischer cliffhanger made in Sachsen

Dresden, im Juni 2010. Während die Stadt unter Sommerhitze brütet, lädt das Kleine Haus zu einem Ausflug ins Herz der Finsternis. Gemeinsam mit Studenten der Hochschule für Bildende Künste und der Musikhochschule Dresden entstand in den vergangenen Monaten eine Opernproduktion von Benjamin Brittens Kammeroper „The Turn of the Screw“, die am 12. Mai Premiere feierte. Die zugrundeliegende Novelle von Henry James ist auf den ersten Blick ein Schauerstück in bester schwarz-romantischer Tradition von E.T.A. Hoffmann oder Oscar Wilde. Doch bei näherem Hinsehen erweist sich der Text als brüchig, geradezu kafkaesk: Was ist wahr, was Halluzination in der engbegrenzten Welt der Gouvernante, die zwei verwaiste Kinder betreuen soll? Sind die beiden „bösen Geister“ Quint und Mrs. Jessel Teil der Realität oder existieren nur in der Phantasie des Kindermädchens und ihrer Schützlinge? Und welchen Anteil am bösen Geschehen hat Mrs. Grose,
die Haushälterin?

Von Anfang an entfaltet sich wie im Märchen ein dicht gesponnener Erzählfaden. Der rezitativische Prolog geht nahtlos über in die Handlung, wo sich ebenfalls innere Monologe oft nicht von äußerer Aktion und Traumerscheinungen trennen lassen. In guter englischer cliffhanger-Tradition windet sich der Plot, das Unbehagen steigt, steigt, noch ein bißchen, noch ein bißchen, und die Musik vollzieht den Spannungsbogen mit. Brittens Klangsprache, die meist eher in die Schublade des „Konservativen“ eingeordnet wird, untermalt nicht nur farb- und facettenreich, sondern ist selbst in den romantischsten oder kindlich-humoristischen Passagen stets hintergründig, widerborstig und läßt den Hörern das Unbehagen unter die Haut kriechen. Blitzschnell wechseln vibrierende Orchesterflächen mit sich windenden Bläserlinien ab, und auf sinfonische tutti-Aufwallungen folgen intime solistische Passagen. Dabei kann es sich Britten, der selbst Bratschist war, nicht verkneifen, hie und da wunderbare Bratschen-Soli einzustreuen. Trotz relativ sparsamer Kontrapunktik wirkt die Musik sehr dicht und hält auch über längere Szenen hinweg die intensive bedrohliche Spannung, die der langsam fortschreitende Plot aufbaut, drängt sich gleichzeitig aber nie in den Vordergrund.

Das Orchester, bestehend aus Musikern der Hochschule für Musik, gestaltet einfühlsam die wechselnden Farben und Stimmungen, läßt jedoch an einigen Stellen die Beweglichkeit und Reaktionsschnelle eines gut eingespielten Opernorchesters vermissen. Der Dirigent Lennart Dohms, der über reiche Erfahrungen mit der Musik der Moderne verfügt, leitete das Ensemble gewohnt engagiert und souverän. Angesichts vieler großer ausladender Gesten hätte man sich von ihm allerdings an sensiblen Stellen mehr Zurückhaltung und Präzision wünschen können. So gelangen zwar die schön bedrohlich sich aufbauenden Klangflächen, doch ging etwas von
der Feinheit und Brüchigkeit der an Zwischentönen reichen Partitur verloren.

Auch das Sängerensemble erweist sich als seiner Aufgabe gut gewachsen. Die anfangs noch ein wenig kühl agierende Eunhye Lim als Gouvernante singt und spielt sich in ihre Rolle förmlich hinein und läuft im zweiten Akt zu Hochform auf. Nicht minder stimmlich wie schauspielerisch überzeugend ist ihre Partnerin Amelie von Grundherr als streng-moralische Mrs. Grose. Quint und Mrs. Jessel als ihre böse Gegenspieler (hervorragende schauspielerische Leistung von Min Seok Kim und Rebekka Gruber) gelingt es von Anfang an, mit stimmlicher Fülle souverän und unerbittlich die Szene zu kontrollieren. Gegen die starken erwachsenen Hauptrollen wirken die beiden Kinder Flora und Miles von Anfang an verloren. Teresa Suschke als Flora spielt das augenscheinlich engelhafte Mädchen mit viel Überzeugung, kann aber musikalisch ihrer Rolle nicht die nötige leichte, bewegliche und trotzdem ernsthafte Stimme verleihen, die an dem Blondchen noch die bösen Abgründe ahnen läßt, denen das Kind sich nähert. Karolin Trübenbach als Miles zeigt mehr gefestigten Charakter, kann aber ebenfalls die Doppelbödigkeit des zwischen „Gut“ und „Böse“, Wahrheit und Wahn scheiternden Jungen nicht völlig überzeugend darstellen. Alles in Allem gelingt den Sängern trotzdem eine überzeugende Darbietung, die nur durch die mangelnde Textverständlichkeit, gerade in Ensembleszenen, etwas getrübt wird.

Das schlichte und dennoch in sich schlüssige Gestaltung der Szenen und Kostüme zeichnet Brittens Stück als vor allem inneres Drama, das sich durchweg in einem geschlossenen, dunkel getäfelten Raum abspielt. Dieser bietet in seiner strengen Einfachheit eine Menge Stoff für Assoziationen: Anfangs erscheint er als Schutz vor Bedrohungen durch die Außenwelt, wandelt sich aber hin zur (imaginierten? realen?) Kammer des Schreckens. Die nach außen sich öffnenden Flügeltüren, die Freiheit versprechen mögen, führen dabei grellweiß erleuchtet ins Nichts und dienen den Figuren als Fluchtwege, vor ihren Mitmenschen genauso wie vor sich selbst. Auf die tiefenpsychologischen Inhalte des Stoffes, der schon oft wissenschaftlich thematisiert wurde, geht diese Interpretation nur am Rande ein. Die Inszenierung, bei der Andreas Baumann Regie führt, ist das „Meisterstück“, die Diplomarbeit der Studentin Lea Maud-Charlott Klein von der Hochschule für Bildende Künste.

Brittens Oper wird in Dresden im wahrsten Sinne des Wortes als bedrückendes Kammer-Spiel präsentiert, das gleichermaßen sehens- und hörenswert eine wertvolle Bereicherung des diesjährigen Spielplanes darstellt. Gleichzeitig zeigt die Produktion, daß der Dresdner Musiker- und Künstlernachwuchs sehr wohl mit höher budgetierten Opernensembles mithalten kann.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s