Ein Lob, ein Tadel und eine Reflexion

Russische Musik der Moderne im Societätstheater Dresden

Im Idealfall ist ein gelungenes Konzert wie ein gutes Essen: ausgewogen, aufregend-würzig, sättigend und dennoch Lust machend auf „mehr“. Die Speisen anderer Länder erfreuen sich dabei in Deutschland seit Jahren großer Beliebtheit. Döner, Sushi & Co. sind längst Bestandteile des urbanen kulinarischen Repertoires geworden. Anders in der Musik: hier wird Idiomatisches anderer Länder seltener authentisch präsentiert, erst recht dann, wenn es sich statt um traditionelle Folklore um die aktuelle Kunstmusik handelt.

Diesem Mißstand will die am Dresdner Societätstheater seit Jahren etablierte Konzertreihe „Global Ear“ entgegenwirken: nicht nur der Stil, auch das Instrumentarium anderer Kulturen wird vorgestellt und in den Kontext zeitgenössischer Kompositionen einbezogen. So verläßt man bei diesen Konzerten oft den Saal mit dem wohligen Gefühl im Bauch, ein ganz besonderes Gericht gekostet zu haben.
Insofern ist es lobenswert und eine Bereicherung, daß die Dresdner Musikfestspiele in ihre diesjährigen Rußland-Ausgabe auch ein Konzert von Global Ear integriert haben, das vom jungen Ensemble El perro andaluz gestaltet wurde. Rußland ist, vom Westen aus betrachtet, für viele Menschen ein großes, dunkles Unbekanntes, von dessen Kultur man in der Regel nicht viel mehr wahrnimmt als Tschaikowsky, Kosakenchöre und die großen russischen Ballette und Orchester.

Aufklärungsbedarf ist da also dringend nötig! Diesem Auftrag, den das Konzert am 2.6. zu erfüllen versprach, konnten es allerdings nicht wirklich einlösen. Immerhin bemühte man sich, mit einem Akkordeon-Duo (sehr mitreißend-gefühlvoll: Elena und Ruslan Krachkovski) ein „typisch russisches Instrument“ vorzustellen. Jedoch blieb die „Authentizität“ dieser Darbietung fragwürdig, da die beiden Solisten nicht etwa russische Bayans, sondern Instrumente deutschen Systems spielten. Fragwürdig auch die weitere Stückauswahl: Mit Tarnopolski und Schnittke waren immerhin zwei international rennomierte „Altmeister“ der russischen Moderne vertreten. Fast unfreiwillig komisch wirkte nebenbei die Bemerkung des Moderators, man hätte ins Programm auch ein Werk von Sofia Gubaidulina aufnehmen können – was man nicht tut, davon sollte man besser schweigen… Ansonsten fiel auf, daß die weiteren Werke des Abends (Ausnahmen: Tarnopolski und Schnittke) von Komponisten stammten, die man ehrlicherweise als „deutsch beeinflußt“ bezeichnen sollte, da sie entweder in Dresden oder anderswo in Deutschland studiert hatten und jahrelang in Deutschland gelebt haben oder noch leben. Wollte man da etwa gezielt eine Werkschau Dresdner (Ex-)Studenten veranstalten, oder war man zu kurzsichtig, um beim Blick über den Tellerrand wirklich Fremdes, Neues ausfindig zu machen? Wenn ein solches Konzert schon im Rahmen der Dresdner Musikfestspiele erscheint, hätte man erwarten dürfen, daß auch die Programmauswahl international Hochkarätiges berücksichtigt, statt nur vor der eigenen Haustür zu suchen. Wer will schon deutsche Maultaschen als russische Pelmeni vorgesetzt bekommen?

Dies alles wäre verzeihlich gewesen, hätten die dargebotenen Stücke entweder inhaltlich eine raffiniert abgeschmeckte Mischung ergeben oder einen thematischen Hintergedanken erkennen lassen. Dies suchte man jedoch beim Hören vergeblich. Wie der im Enführungsgespräch befragte Komponist Sergej Newski zugab, ist das Verhältnis der russischen Komponisten zur Tradition und Musikkultur ihres Landes oft schwer erkennbar oder definierbar. So nahm man als Zuhörer disparate Einzelstücke wahr, die nicht das gesuchte Gesamtbild „Rußland“ ergeben wollten.

Das erste Werk des Abends, Olga Rayevas „autumn street´s relief“, huschte und zuckte rasch vorbei, als betrachte man ein Glas voll tobender Mikroben unterm Mikroskop. Aus den vielen instrumentalen Aktionen entstand eine bewegliche Fläche, von der sich reliefartig Einzelgesten abhoben. Wenn diese Komposition auch in ihrer Kürze eher ein Appetithappen darstellte, hinterließ sie immerhin den Eindruck von Spannung und Ausdruckswillen. Das nächste Stück, „Influenzas“ von Bowen Liu, stellte dagegen in Spannung und Umfang das genaue Gegenteil zu Rayevas nervöser Miniatur dar. Hier probierte sich ein Komponist in der „Gewürzeküche“ der Formen und Klangkombinationen aus: ein bißchen hiervon, ein bißchen davon… Eingerahmt von Tamtamschlägen entfaltete sich ein Tableau meist verwandter musikalischer Gedanken. Varianten in Instrumentation und Satztechnik – mal als Dialog weniger Instrumente, dann polyphon oder als Klangflächen – brachten nur kurzfristig Auflockerung und Spannungsmomente in den Ablauf. Sowohl klanglich als auch vom dramatischen Gesamtkozept verriet „Influenzas“ keine zwingend logische Konzeption. Das Ensemble bot einen durchwegs homogenen, wenig changierenden Klangeindruck – mehr eine Gesamtmischung als Betonung einzelner Facetten. Man konnte sich des Eindrucks nicht erwehren, daß selbst die Musiker sich nach dem x-ten Tamtamschlag zu fragen schienen: wie oft kommt das noch?

Eine bewußt vom Komponisten so benannte Suche war das sich anschließende Stück „Blindenalphabet“ von Sergej Newski. Newski, der die haptische Komponente seiner Komposition betonte, verkannte allerdings, daß sich Blinde auch ohne Sehen hervorragend über Tast- und vor allem Gehörsinn orientieren. Sein Stück blieb dagegen in einer unbestimmten Grauzone aus wenig konturierten Instrumenalklängen. Die Spieler schienen auf ihren Instrumenten genauso nach Orientierung und Eindeutigkeit zu suchen wie der Dirigent, der mit großen ausladenden Bewegungen im Klangnebel wühlte. Derneinzigen roten Faden bildete die Stimme des Akkordeons, dessen hingetupfte Akkorde wie ein Ostinato den einzigen klanglich und harmonisch genau definierten Anhalts-Punkt (im doppelten Wortsinne) bildeten.
Einen erfrischenden Gegensatz zu den jüngeren Komponisten stellten die Werke der beiden „Klassiker“ des Abends, Alfred Schnittke und Vladimir Tarnopolski, dar. Schnittkes zwei ironische Miniaturen, herrlich pointiert dargeboten durch das Akkordeon-Duo, und Tarnopolskis Ensemblewerk „Eindrücke – Ausblicke“ spannten einen weiten musikalischen Horizont auf, ohne weder ins demonstrativ-Avantgardistische noch ins Konserative zu verfallen. Das Ensemble El perro andaluz nahm denn auch am Ende des langen – da ohne Pause dargebotenen – Programms noch seine Kräfte zusammen und erschuf mit Reaktionsbereitschaft und Engagement einige spannende Augenblicke in Tarnopolskis kontrastreichem Werk.

Welchen Nachgeschmack hinterläßt nun dieses musikalische Bankett? Von „Tradition“ und „typisch russisch“ war zwar an diesem Abend die Rede, doch das klingende Resultat ließ das Fragezeichen des Konzerttitels „Rußland – Klassiker der Moderne!?“ im Raum stehen. Diese jungen russisch-deutsch-kosmopolitischen Komponisten gehören einer Generation an, die ihre Identität und ihren Platz in unsere globalisierten Welt neu finden muß. Es ist ihnen nicht zu verübeln, daß sie suchen, fragen und experimentieren, statt fertige Antworten zu akzeptieren. Insofern zeigte dieser Konzertabend, daß Kategorien wie Nationen, musikalische Traditionen oder kulturelle Identitäten nicht mehr so einfach auf zeitgenössische Musik angewandt werden können. Statt nach dem „typisch Russischen“ zu suchen, bleibt bei uns selber die Frage hängen, wie „deutsch“ oder „globalisiert“ wir selber in unserem kulturellen Selbstverständnis sind. Dieses Problem läßt sich vielleicht am Besten mit Freunden beim nächsten Sushi-Essen klären.

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