Musikalischer Gipfelsturm mit Bodenhaftung – ein Portrait eines Komponisten aus der Sicht seines Interpreten

Die letzten Töne verklingen… Nachhall, Stille. Dann setzt Applaus ein. Ich nehme mein Instrument, verbeuge mich, blicke in die Menge. Wo ist der Komponist? Da sitzt er, ganz hinten, drittletzte Reihe, fast genau in der Ecke des Saales. Ich winke ihm, er kommt nach vorne, ein herzliches Dankeschön.

So sieht die öffentliche Seite des Konzertbetriebes aus. Was das Publikum sieht und hört, ist der Interpret. Der Komponist dagegen – wer ist das? Die oft skurril gekleidete unscheinbare Gestalt, die nach der Aufführung linkisch auf die Bühne tritt und den Musikern die Hände schüttelt. Der Verfasser kryptischer Programmhefttexte, die etwas erklären sollen, was man mit Worten nicht erklären kann: wie komponiert man eigentlich Musik?

Genau diese Frage habe ich „meinem“ Komponisten auch gestellt, als ich mich vor gut einem halben Jahr darauf einließ, ein neues Stück, „move“ für Kontrabass solo, uraufzuführen. „Mein“ Komponist heißt Sven Daigger, Jahrgang 1984, seines Zeichens Kompositions- und Musiktheoriestudent an der HMT Rostock. Wenn man ihm begegnet, kommt man nicht leicht auf die Idee, einen Tonkünstler vor sich zu haben: braungebrannt in Allwetterhose, T-Shirt, Sandalen scheint er eher in einen Globetrotter-Film zu gehören als in einen Konzertsaal. Wenn er nicht gerade arbeitet oder studiert, ist Sven tatsächlich meist draußen unterwegs und entspannt sich beim Wandern, Paddeln und Klettern. Er hat die Weiten Mecklenburgs genauso durchwandert wie Korsika, Norwegen oder die spanischen Berge. Bezieht er etwa seine Inspiration aus der Natur? Nein, von solch romantischem Gedankengut möchte Daigger nichts wissen und meint mit freundlich-ironischem Lachen, dann solle man doch eher Kaffee und Schokolade seine Inspirationsquellen nennen.

Sven Daigger ist mit Musik aufgewachsen, doch er hat als Kind mitnichten nur klassische oder gar Neue Musik um sich gehabt. Vielmehr spielte er als Jugendlicher in einer Rock- und Metal-Band, für die auch komponierte und arrangierte, und studierte nach seinem Abitur erst einmal Musikwissenschaft, Germanistik, Geschichte und Ostasiatische Kunstgeschichte, ehe er sich 2007 für ein Kompositionsstudium an der HMT Rostock entschied. Die Begeisterung und Offenheit für Kunst und Kultur aller Sparten und Länder hat er sich genauso bewahrt wie einen frischen, undogmatischen Umgang mit seinem heutigen Arbeitsfeld: der zeitgenössischen Musik. Statt komplexe Gedankengebäude um seine Stücke aufzubauen, die in endlosen Werkkommentaren aufgeschlüsselt werden müssen, sagt er gern, seine Musik solle für sich selbst sprechen. Obwohl er erst kurz vor Beginn seines Studiums anfing, „ernsthafte“ Musik zu schreiben, hat er bereits ein beachtliches Werkverzeichnis vorzuweisen, das viele verschiedene Gattungen und Besetzungen, vom Orgelsolo bis hin zum Streichquartett und Orchesterwerk. Jedes Stück erforscht für sich eine bestimmte Besetzung oder ein Instrument, erkundet dessen Klangmöglichkeiten und spielt mit ihm, wobei das Bewußtsein für seine Geschichte genauso spürbar ist wie Humor, Ironie und Freude an rhythmischen Vexierspielen. In seinem 2009 entstandenen Orgelstück „AUS“ setzt Daigger das Instrument, die Orgel, langsam in Bewegung, um sie am Ende gleichsam ins Leere laufen zu lassen. Erst unregelmäßig stapfend, dann mit wachsender rhythmischer Energie kommt der Orgelklang „ins Rollen“, und am Ende bestimmt die Orgel selbst, wie das Stück zu Ende geht: mitten im Spielen schaltet der Organist die elektrische Windzufuhr aus, und je nach Instrument versackt der Klang in langsamen glissandi, oder endet abrupt durch den abnehmenden Winddruck.

Ein Lieblingsinstrument als Komponist hat er bekennendermaßen nicht, denn viel größer als die Faszination durch einen bestimmten Klang ist seine Freude am Ausprobieren. Bis jetzt ist er dabei, sich systematisch mit allen klassischen Instrumenten vertraut zu machen – hat er auch schon elektronische Musik geschrieben? Nein, aber das komme vielleicht später, meint er. Immerhin erfordert der Umgang mit elektronischen Klängen auch ein gut ausgestattetes Tonstudio und erfahrene Lehrer, will man solche Versuche nicht nur als bloße Spielereien betreiben. Und die Möglichkeiten der Rostocker Hochschule sind im Vergleich zu renommierten Experimentalstudios wie in Köln oder Freiburg eher begrenzt. Sven Daigger fühlt sich auch deshalb mehr von akustischen als elektronischen Klängen angezogen, weil er das Handwerkliche am Musikmachen schätzt. Wenn er ein Solo- oder Duostück schreibt, arbeitet er gerne intensiv mit den Interpreten zusammen und scheut sich nicht, ungewöhnliche Fragen zu stellen. So habe auch ich bei den Treffen mit ihm gelernt, was ich bis jetzt alles noch nicht über mein Instrument, den Kontrabass, wußte. Legt man als Interpret erst einmal die Abwehrreaktion „Nein, das geht nicht, das kann ich so nicht machen!“ ab, erfährt man ungeahnte neue Spielmöglichkeiten genauso wie die eigenen physisch-mentalen Grenzen.

Trotzdem war das „Endprodukt“ dieser gemeinsamen Experimente eine Überraschung. Je größer und sperriger das Instrument, desto mehr sind in der Musik, die dafür geschrieben wird, die physischen Hindernisse zu spüren, die sich im Umgang damit auftun. Oft bleiben Kontrabaßstücke bei einem tief-dunkel-murmelnden Klangeindruck, oder flüchten sich davor in die hohen Lagen, im Bemühen, den Klang eines Cellos oder einer Geige zu erreichen. „Move“ dagegen ist anders: Zunächst schreckte mich das Unkultivierte, Rohe des Anfangsteils, in dem allmählich aus einer lauten Tremolofläche verschiedene Nuancen in Tonhöhe, Klang und Rhythmus entwickelt werden. Nach und nach ließ ich mich auf die Herausforderung ein, auch mit einer ungewohnt primitiven Spielweise – den Bogen fest in der Faust – feine musikalische Unterschiede hörbar zu machen. Als Kontrabassist scherzt man gern über die Größe des Instruments, das wie ein Schrank transportiert werden muß. Sven Daiggers Stück nimmt diesen Gedanken auf und untersucht den Kontrabass auf seine geräuschhaft-klanglichen sowie motorischen Möglichkeiten. Das Instrument als Hindernis und Gegenstand, über das man als Spieler stolpern kann, das sich manchmal der Musik verweigert und nur nach langer Suche seine Schätze preisgibt, wird zum Gegenstand des Stückes. Es entfaltet sich ein anschwellendes perpetuum mobile in wechselnden Klang-Geräusch-Anteilen. Nach einem dahinstürmenden Anfangsteil, der für einige „Schrecksekunden“ innehält, um Kommendes anzudeuten, folgt eine tänzerisch-groteske Passage, die den Spieler im sich verdichtenden Wechsel verschiedenster Spieltechniken geradezu über das Instrument scheucht. Atemlos erreicht man das Ende des Griffbretts, und im ruhigen Schlußabschnitt verschwindet die Musik in den zerbrechlichen, schwebenden Klängen der Flageoletts, die auf keinem anderen Streichinstrument in solcher Fülle erklingen können wie auf dem Kontrabaß. Das ungehobelte „Möbel“ hat sich in eine schillernde Seifenblase verwandelt, die der Komponist mit einem Augenzwinkern davonfliegen läßt. So wird man am Ende als Spieler für all die Mühen und Tücken des Objekts – des Instruments wie des Stücks – belohnt.

Wenn man als Interpret ein vollkommen neues Stück einstudiert, begibt man sich immer auf eine Reise, von der man nicht weiß, wohin sie führt. Nach dem anfänglichen Enthusiasmus kommt dabei meist eine Durststrecke, in der man zweifelt, ob man der Aufgabe wirklich gewachsen ist. Eine Uraufführung bedeutet noch mehr Verantwortung als sonst: Bin ich selbst am Ende gar schuld, wenn das Stück „durchfällt“, weil ich es noch besser hätte spielen sollen? Wie weit gehen meine eigenen Möglichkeiten, oder in welchen Angelegenheiten darf ich den Komponisten bitten, etwas zu ändern? Gerade diese Unsicherheit, die Möglichkeit, von der Musik und sich selbst überrascht zu werden, machen den Reiz dabei aus. Anders als bei einem klassischen Stück ist ein zeitgenössisches Werk immer ein „Überraschungsei“.

Trotz aller kindlich-neugierigen Unbefangenheit kommt bei Sven Daigger trotzdem die Reflexion über Musik und das Komponieren nicht zu kurz. Nicht umsonst studiert er im zweiten Hauptfach Musiktheorie und Gehörbildung. Für ihn ist Musiktheorie nicht nur Ergänzung des praktisch-Kreativen, sondern auch ein zweites Berufsfeld. Die romantische Vorstellung des Komponisten, der sich mithilfe von Mäzenen über Wasser halten kann, entspricht längst nicht mehr der Realität, das weiß auch er. Fast kein Komponist lebt heute nur vom Komponieren, sondern er gibt Unterricht an Hochschulen, arrangiert „auf Bestellung“ andere Stücke, betätigt sich als Interpret eigener und anderer Werke, oder verfolgt gar noch einen völlig anderen Broterwerb.

Doch Sven Daigger hat immerhin relativ gute Aussichten auf eine erfolgreiche Laufbahn als Komponist: er erhielt nicht nur Kompositionsaufträge, so etwa 2008 vom Landestheater Cottbus, sondern wurde bereits mehrfach für seine Werke mit Preisen ausgezeichnet. Mit einem Stipendium der Studienstiftung des Deutschen Volkes und einer Förderung der HMT Rostock wird er ab Herbst 2010 am Salzburger Mozarteum bei Prof. Adriana Hölszky seine Ausbildung fortsetzen. Auf seinen Studienaufenthalt in Österreich freut er sich sehr – aber nicht nur aus musikalischen Gründen. In Österreich warten außer musikalischen Höhenflügen auch viele Alpengipfel darauf, erklommen zu werden.

Doch was ist zu guter Letzt mit der anfänglichen Frage: was ist Komponieren? Nachdem ich „move“ mit dem Komponisten zusammen erarbeitet, überarbeitet und mehrmals aufgeführt habe, frage ich Sven Daigger erneut. Er gibt sich bescheiden-bodenständig: Komponieren heiße nichts, als Klänge zu organisieren, sagt er. Doch sein Grinsen dabei verrät noch mehr. Komponieren heißt auch, Musikern wie Hörern Nüsse aufzugeben, die zu knacken Spaß macht.

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Ein Gedanke zu “Musikalischer Gipfelsturm mit Bodenhaftung – ein Portrait eines Komponisten aus der Sicht seines Interpreten

  1. Dies ist MUMN Ein sehr schön geschriebener Artikel, dem ich sogar die unphysikalische Verwendung des Begriffs perpetuum mobile verzeihe.Eine Frage ist mir beim Lesen der Beschreibung der komponierten Stücke gekommen: gibt es (im Netz) bereits Plattformen, auf denen Werke von Musikstudenten angehört/heruntergeladen/gekauft werden können? Die Beschreibung des grollenden Basses ist leider nur ein schlechter Ersatz für dessen Klang.Lg Jo — ojdo.de

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