music I like

Der Schreiber: Also, was ich Ihnen hier mitgebracht habe… ahm… gut, es ist nicht das Neueste an Musik, aber welches Gesetz besagt, daß immer nur ganz neue CDs vorgestellt werden dürfen?
Der Redakteur: „Gesetz“ darüber gibt es keines, doch wenn Sie über Altbekanntes schreiben wollen, dann müssen Sie auch einen guten Grund dafür haben. Schließlich haben schon genügend Andere unsere werten Leser davon überzeugt, daß es sich lohnt, diese Aufnahme anzuhören.
S.:
Ganz idealistisch gesagt, meine ich: Gute Musik braucht keinen Grund. Und wenn es sich dann noch um ein Liederalbum handelt, dessen Texte auch nach Jahren frisch wirken, mit einer Sängerin, die es schafft, eine einmalige Atmosphäre in unsere emotionalen Gehirnwindungen zu zaubern, dann…
R: Nun gut, Sie schwärmen ja jetzt schon! Dann reißen Sie sich zusammen und schießen Sie los!
S: Jetzt haben Sie mich verlegen gemacht. Es fing eigentlich ganz alltäglich an… ja, diese Musik ist Teil unseres Alltags, die Sorte Musik, die man nebenbei im Vorbeigehen hört, und die sich dann trotzdem im Kopf einbrennt, und irgendwann sagt man sich dann: Ja, genau das ist es. Dabei fällt einem erstmal nicht unbedingt die Musik auf, sondern der Text. Da geht jemand mit überwachen Sinnen durchs Großstadtleben, zeichnet wie ein Seismograph alle Erschütterungen unseres heutigen Daseins, unserer Umwelt auf.
R: Populärmusik kommt aus dem Radio und vermischt sich… im Hof… mit den Stimmen aus dem anderen Haus…und mittenzwischendrin…
S: Genau so, da haben Sie fast schon zitiert! Hör-Bilder könnte man das nennen, Kino für die Ohren.
R: Aber das ist doch nichts Besonderes, so etwas gibt es doch schon lange, mindestens seit den Anfängen des Radios.
S: Aber die Musik, Herr Redakteur! Die Texte sind zum Teil auch fast schon poetisch. Doch während man den Worten lauscht, sickert die Melodie ins Gedächtnis, und schließlich fängt man an, auf die Begleitung zu achten. Und da entdeckt man allerhand.
R: …und zwar?
S: Wie man aus einer einfachen, prosa-ähnlichen Melodie etwas Besonderes machen kann. Mir fällt gerade keine „Stil-Schublade“ ein, die Musikkritiker so gerne benutzen. Es hat ein bißchen was von Vielem: Folk, Jazz, Ska, Rock,… und ist doch anders. So einfach die Lieder daherkommen, gibt es selten einfache Harmonien darin. Dieser bittersüße Schwebezustand, immer zwischen Dur und Moll, Klarheit und Mehrdeutigkeit, Leichtigkeit und Schwere, das ist es, was den Reiz dieser CD ausmacht. Es lädt zum Mitsingen, -summen ein, und sickert dabei tief unter die Haut.
R: Sie haben jetzt doch nur über die Gesangsstimme gesprochen, was ist mit der Begleitung?
S: Sie ist das Chamäleon, das sich einerseits perfekt an die Umgebung, den Charakter des Lieds, anpaßt. Andererseits bildet sie auch oft einen aufregenden Kontrapunkt. Zur obligatorischen Gitarre, die akustisch oder elektrisch sein kann, treten dabei mehrere andere Instrumente, Bläser, Schlagzeug. Eine farbige, einfühlsame Mischung entsteht. Und sooft man zuhört, wird man immer neue Nuancen und Details entdecken. Also, wenn man die ganze Scheibe auf einen Punkt bringen sollte, dann würde ich sagen, es ist unser mikroskopiertes Leben, was daran fasziniert. Man erkennt sich wieder, und behält gleichzeitig den Abstand, der entsteht, wenn aus Alltäglichem Kunst gemacht wird.
R: Sie behaupten nun also, daß das, was diese CD enthält, Kunst ist?
S: Wenn Kunst Objektivierung unserer Welt ist, dann ja. Außerdem, Kunst hin oder her, die Musik gefällt mir!
R: Na gut, so schreiben Sie eben einen Artikel darüber! Wie heißen aber nun eigentlich die Musiker, über die wir hier gesprochen haben?

CD: Dota Kehr und die Stadtpiraten, „Immer nur Rosinen“

Advertisements

3 Gedanken zu “music I like

  1. Das lässt ex-temporale Erinnerungen aufkommen. Sehr schön geschrieben. Kein Vergleich zu meinen stichwortigen Kurzvorstellungen, die immer nur "tolle Musik, muddu hören" ausdrücken. Wo ist er nur hin, der kreative Funke? *such*LgJo

  2. Ach ja, zur besprochenen Musik noch ein subjektiv wertendes Urteil:Die Texte sind Gedichte, leichtfertig vorgetragen mit beiläufigen Akkorden. Nichts zum "nebenher" hören. Nach den ersten 4 Takten von "Kleingeldprinzessin" wollte ich sie schon als kitschig abtun, doch dann hat sie mich noch gefangen.Will ich eine Verbindung zu meinem Musik-Kosmos ziehen, ordne ich sie als die akustische, melancholische große Schwester von "Wir sind Helden" ein.

  3. Das stimmt! Man KANN sie dennoch nebenher hören, aber wenn man ein wenig Aufmerksamkeit aufwendet, merkt man erst, wie viele ungewöhnliche Dinge unter der scheinbar harmlosen Oberfläche stecken. Ich höre die CD gern auf Reisen, sie ist so schön orts- und zeitlos. Auch wenn die Texte auf Berlin bezogen sind, könnten sie in jeder Großstadt spielen.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s