„Zwei Fäuste und ein Halleluja“ !? – Ignaz Walter und die „erste Faust-Oper“

Ein Abstract meiner Diplomarbeit an der HMT Rostock 2010

Meine Diplomarbeit verdankt ihren Anfang einer Passage aus Joachim Kreutzers Buch „Faust — Mythos und Musik“.1 Dort wird Ignaz Walter (1755-1822) als Komponist einer „ersten Faust-Oper“ genannt. Diese Behauptung wollte ich überprüfen und den Komponisten und sein Werk näher untersuchen.

Dabei erweist es sich als nötig, vielmehr von „zwei ersten“ Faust-Opern zu sprechen, da Ignaz Walter diesen Stoff nach seiner Erstfassung mit dem Titel „Doktor Fausts Wanderungen und Höllenfahrt“ von 1797 (das Libretto dafür verfertigte unter Benutzung des goetheschen „Urfaust“ der Frankfurter Librettist Heinrich Schmieder) gut zwanzig Jahre später noch einmal als „Doctor Faust“ (1819) mit einem anderen Librettisten, Christian Andreas Mämminger, neu bearbeitete.

Johann Ignaz Walter (1755-1822), zu seinen Lebzeiten ein reputabler Sänger und Komponist, zählt heute zu den vielen eher wenig beachteten Gestalten in der Musikgeschichte. Geboren zu Radonice in Böhmen, repräsentiert Walter ein musikalisches Universaltalent des 18. Jahrhunderts mit europaweiter Ausstrahlung. Als Tenor erwarb er sich seinen Ruf mit Anstellungen in Wien, Prag und Riga, und galt neben Anton Raaff als einer der bedeutendsten und vielseitigsten Sänger. Außerdem dirigierte und leitete er als Musikdirektor und Intendant mehrere Operntruppen und übernahm von 1804 bis zu seinem Tode die Leitung des neugegründeten Regensburger Theaters. Als Komponist schuf er schwerpunktmäßig Opern und instrumentale Kammermusik. Bis heute ist allerdings als einziges Werk von ihm das Quartett op.9 für Flöte, Violine, Cello und Harfe im Verlag Ut Orpheus Edizioni ediert.

Walters Faust-Opern sind im Kontext des im späten 18. Jahrhundert aufblühenden deutschen Musiktheaterwesens zu betrachten, dessen Vielfalt sich in der reichen Aktivität der fahrenden Theatertruppen ebenso manifestiert wie in der großen Anzahl an aktiven Komponisten und Opern-Uraufführungen. Bei textlichen und musikalischen Vergleichen der beiden Faust-Opern stellt man fest, daß es sich um zwei inhaltlich sehr verschiedene Werke handelt, wobei der goethesche Text nur zum Teil von den Librettisten benutzt wurde. Vielmehr greifen beide Textbücher stark auf die populären vor-goetheschen Faust-Traditionen, wie das Faust-Puppenspiel und verschiedene Volkssagen, zurück, und verflechten diese effektvoll mit der durch Goethe eingeführten Gretchen-Tragödie, die sich mit ihren zahlreichen Liedformen bestens für eine Vertonung eignet. Die Verschmelzung verschiedener Textquellen macht die beiden Walterschen Opern auch als Dokumente im Kontext der Faust-Rezeption interessant.

Auch musikalisch handelt es sich um zwei eigenständige Werke, die Walter trotz Möglichkeiten zur Kontrafaktur sehr unterschiedlich gestaltet. Seine Tonsprache bleibt dabei, trotz des zeitlichen Abstands beider Faust-Versionen, der Wiener Klassik verpflichtet und ist am Vorbild Mozarts und Dittersdorfs orientiert. Die farbige Instrumentation mit erkennbarer Vorliebe für Holzbläsersätze beweist Walters Klangsinn genauso wie sein Gespür für dramatisch-musikalische Effekte.

Walters Opern verschwanden, wie das Gros der Werke seiner Zeitgenossen, mit dem Wandel des Opernwesens im 19. Jahrhundert aus den Spielplänen. Erst 2004 machte der Bremer Musikwissenschaftler Oliver Rosteck, der bei Recherche in der Sächsischen Landesbibliothek Dresden auf Walters Oper „Doktor Fausts Wanderungen und Höllenfahrt“ gestoßen war, diese als „Wiederentdeckung“ eines „vergessenen“ Werkes bekannt. Doch völlig unbekannt war der Waltersche Faust keineswegs: Im Rahmen der Faust-Forschungen war mehrfach auf diese Werke hingewiesen worden. Phillip Spitta widmete Walters Faust 18922 einen umfangreichen monographischen Aufsatz, und zuletzt stellte Beate Agnes Schmidt 2006 die erste Waltersche Opernfassung in einem Exkurs innerhalb ihrer Untersuchung zu „Musik in Goethes Faust“3 dar. Jedoch wurden beide Faust-Opern bis heute nicht vollständig erschlossen.

In meiner Arbeit habe ich versucht, auf den Spuren von Walters Leben und Wirken ein Schlaglicht auf den Komponisten und seine beiden „Fäuste“ zu werfen. Dabei wird vor allem Wert gelegt auf die Quellenlage, sowie die Einordnung der beiden Werke in den Kontext ihrer Entstehungszeit. Abschließend versuche ich eine Einschätzung der heutigen Bedeutung der Opern Walters im Hinblick auf eine mögliche Neu-Edition oder Wiederaufführung.

Wer sich weiterhin dafür interessiert, kann meine Arbeit entweder in der Sächsischen Landesbibliothek Staats-und Universitätsbibliothek Dresden einsehen (auffindbar über den OPAC) oder mich selbst kontaktieren. (suonoreale (et) gmail.com)

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