Gedanken zu Schumanns „Musikalischen Haus-und Lebensregeln“

Jeder aktive Musiker hat in seiner Ausbildung, in seinem Leben eine Schule durchlaufen, ist von Geboten und Verboten seines Lehrers geprägt worden. Wenn ich hier ein paar Gedanken zu Robert Schumanns „Musikalischen Haus- und Lebensregeln“ formuliere, vergleiche ich diese Regeln nicht nur automatisch mit meinen erlernten Grundsätzen, sondern kann und muß gleichzeitig den Abstand von eineinhalb Jahrhunderten Musik- und musikpädagogischer Geschichte mit berücksichtigen, der mich von Schumanns Gedanken trennt.

Schumann schrieb diese Regeln 1848 als „Zugabe“ zu seinem Album für die Jugend, ursprünglich hatte er sogar geplant, jedem der Albumstücke einen speziellen Lehrsatz zuzuordnen. Lehrbücher und Leitfäden für den Musikunterricht waren im 19. Jhd. sehr beliebt, Schumann konnte also hoffen, mit seiner Veröffentlichung, modern gesprochen, auf einen breiten Markt zu treffen. Die damaligen Instrumentalschulen zeichneten sich dadurch aus, daß sie sich in lehrhaftem, gehobenem Ton direkt mit ihren Anweisungen an den Lehrer wandten und, paragraphenartig gegliedert, vor allem theoretische Anweisungen zum Verhalten des Lehrers, zur Unterrichtsgestaltung und zur Vermittlung instrumentaler Fertigkeiten gaben. Insofern trifft Schumanns Regelwerk den Tenor seiner Zeit. Doch sieht man diese Regeln im instrumentalpädagogischen Kontext, muß man zuerst ein paar Fragen an den Text stellen:

An wen richtet sich Schumann? An Lehrer oder Schüler?
Welche pädagogischen Absichten verfolgt er? Oder, noch vorher gefragt:
Handelt es sich hier wirklich um einen primär musik-/instrumentalpädagogischen Text?
Von diesen Grundfragen ausgehend, möchte ich meine Thesen und Ideen dazu vorstellen.

Anders als in einer „konventionellen“ Instrumentalanleitung des 19. Jahrhunderts sprechen die Hausregeln eine Fülle verschiedenster Themen an, von allgemeinen Lebens-und Verhaltensregeln über moralische Sentenzen bis hin zu Musikverständnis und Musikausübung in verschiedensten Formen. Spielen, Komponieren und Gehörbildung gehört für Schumann ebenso zu einem „wahren Musiker“ wie literarische Bildung („Dichterlectüre“) und gesunde Lebensführung („Ergehe dich oft im Freien!“). Auch an konkret unterrichtspraktischen Hinweisen mangelt es nicht, es finden sich wiederholte Anweisungen zum richtigen Üben, zu Auftritt und zum Training des musikalischen Gedächtnisses. All diese Regeln sind aphoristisch klar formuliert und enthalten jede für sich einen wahren Kern. Wollte also Schumann, seiner Zeit voraus, ein modernes pädagogisches Konzept vorstellen? Nähme man jede seiner Regeln ernst und versuchte danach zu handeln, bekäme man – nicht den perfekten Musikunterricht, sondern den „perfekten“ Musiker, ein moralisch wie geistig untadeliges Universalgenie, gleichermaßen Komponist wie Interpret und Theoretiker! Diese Grundsätze sind jeder für sich heute auch noch aktuell, doch welchen Musikunterricht gibt es, der sie alle gleichzeitig verwirklichen könnte? Insofern lautet meine erste These zu Schumanns Haus- und Lebensregeln: Diese Regeln sind keine praktische Instrumentalschule, sondern eine Formulierung von Zielen – sozusagen Maximalforderungen, die ein vollkommener Musiker erfüllen sollte. Vielleicht hat sich Schumann beim Schreiben der Kinderstücke an seine eigene Musikausbildung erinnert – und diese Regeln als Rückblick, Ermahnung und Ergebnis gewonnener Erfahrung für sich selbst formuliert?

Damit stellt sich schon die nächste Frage: an wen richten sich die Musiklischen Haus- und Lebensregeln? Schumann behält weitgehend einen gehobenen, belehrenden Ton bei, doch wendet er sich in manchen Sentenzen auch in vertraulichem „Du“ und kindlichen Formulierungen an den imaginären Leser. Dem entspricht auch die einfache Trennung in gut und böse, tu-das und laß-das. Die betont kindgerechten Sätze sind allerdings teils so überspitzt formuliert, daß man sich zu Recht fragen kann, ob sie ernsthaft für Kinder gedacht sind. Welches Kind würde diese Sätze lesen – und dann auch noch ernst nehmen? So fühlt man sich beim Lesen eher als Erwachsener intellektuell angesprochen – und gleichzeitig ironisch an seine Kinderzeit erinnert, als man noch in solchem Ton belehrt wurde: „Suche unter deinen Kameraden diejenigen auf, welche mehr wissen als du.“ Solch einen Satz könnte man auch in einem Stammbuch finden, wie sie im 19. Jhdt. verbreitet waren, eine Poesiealbum-Weisheit, die einen durchs Leben begleiten soll. Doch Schumann war weder reiner Moralist noch Verfasser von Allgemeinplätzen, vielmehr ein intelligenter, feinsinniger Journalist und Schriftsteller, der sehr gut mit Ironie umzugehen wußte. Hätte er einen rein pädagogischen Fachtext zu seinem Jugendalbum schreiben wollen, hätte er eine andere Ausdrucksform gewählt, genauso, wenn er sich in direkten Spielanweisungen an jugendliches Publikum gewandt hätte. Also folgt daraus für mich die nächste These: Die Schumannschen Regeln wenden sich weder direkt an Lehrer noch an Schüler – hier schreibt ein Musiker für Musiker, die bereits etwas von Musik verstehen. In ihrer aphoristischen Form und ihrer feinen Ironie, die sich hinter vielen Metaphern versteckt, sind die Haus- und Lebensregeln für mich kein Handbuch fester Weisungen, sondern ein Spiegel, der an eigene Erfahrungen erinnert und einen ins Nachdenken über die eigenen Prinzipien und Grundlagen des Musizierens bringt.
Die Musikalischen Haus- und Lebensregeln haben ihren Titel nicht umsonst: es geht nicht nur zuerst um Musik, sondern damit verbunden um den ganzen Menschen, sein Umfeld (Haus und Familie, Gesellschaft…) und sein materielles und geistiges Leben. Schumann läßt uns an seinen Erfahrungen teilhaben, aber nicht im Sinne eines autoritären Musik- und Klavierpädagogen, sondern als Reflektion, Aufforderung zum Nachdenken. Ihre Botschaft lautet für mich heute: Ein erfülltes Leben als „tüchtiger Musiker“ wird man erst dann finden, wenn man gelernt hat, sich auch manchmal über fremde Regeln hinwegzusetzen, um seine eigenen Wege zu finden. Insofern hängt nicht umsonst ein Auszug aus diesen Regeln in vielen Musikschulen eingerahmt an der Wand: „Es ist des Lernens kein Ende.“ Das kann man jedem Musiker, egal ob Lehrer, Künstler oder Student, getrost ins Poesiealbum schreiben.

Verwendete Quellen und Literatur

Schumann, Robert: „Musikalische Haus- und Lebensregeln“ (1848)
Röbke, Peter: „Vom Handwerk zur Kunst – Didaktische Grundlagen des Instrumentalunterrichts“ (Mainz 2000)
Wolfgang Lessing, „Fragen an Schumann – die „Musikalischen Haus- und Lebensregeln“ aus musikpädagogischer Sicht“ aus: „Üben und Musizieren“ 2006/6

Eventuelle Schreibfehler sind der musikalischen Unkenntnis meines Computers zu verdanken, dessen Rechtschreibprogramm „Schumann“ konsequent durch „Schundroman“ ersetzen wollte…

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