Konstruktive Dekonstruktion oder Ernsthafte Parodie – ein Beispiel aus dem Schaffen Glenn Goulds

Der kanadische Pianist Glenn Gould hat sich nicht nur als Bach-Interpret einen Namen gemacht, sondern ist auch als künstlerischer Rebell und begnadetes Multitalent prägend gewesen. Seit seiner Weigerung, weiterhin Konzerte zu geben, widmete er sich nicht nur intensiv der Aufnahmetechnik, sondern betätigte sich auch als Journalist, Musikkritiker, Radio- und Fernsehproduzent, und – was nicht so weit bekannt wurde wie sein Klavierspiel – als Komponist. Neben „ernsthaften“ Kompositionen (Gould schätzte Schönbergs Musik und versuchte sich u.A. selbst an zwölftönigen Stücken) entstanden auch experimentelle Hörspiele, die Gould selber als „kontrapunktisches Radio“ bezeichnete: Interviews, Tonaufnahmen und Geräusche werden in der Art und Weise einer non-musikalischen Fuge übereinandergelegt. Seine Beschäftigung mit kontrapunktischer Musik regte Gould auch zu einer Fernsehsendung mit dem Titel „Die Anatomie der Fuge“ an, die 1963 von der CBC ausgestrahlt wurde. Der Abschluß dieser Sendung stammt von Gould selbst: ein Stück für vier Singstimmen und Streichquartett, betitelt „So You Want To Write A Fugue?“ – „Du willst also eine Fuge schreiben?!“
Der ironische Anklang im Titel ist Programm: Glenn Gould nimmt sich mit viel Ainn für musikalischen Humor der traditionellen Gattung der Fuge an. Er schreibt tatsächlich eine, doch ist dieses Stück sowohl eine augenzwinkernde Reflexion über die Gattung und ihre Kompositionstechnik als auch deren ironische Brechung. Wir hören eine Fuge, deren Einzelstimmen über das Fugenschreiben diskutieren – der Kompositionsprozeß findet hier statt im Kopf des Komponisten im Stück statt! Gould verwendete diese Methode der sich selbst reflektierenden Reflexion auch gerne in seinen journalistischen Arbeiten, wenn er „Glenn Gould mit Glenn Gould über Glenn Gould“ diskutieren ließ oder sich selbst in verschiedenen Pseudonymen über sein, Goulds Werk, ausließ.
Auch „So you want to write a fugue?“ hat mitunter leicht schizohprenen Charakter. Die erste Stimme meldet sich mit grundsätzlichen Bemerkungen zu Wort und schließt daran die Forderung an: Write a fugue that we can sing!“ Dagegen vertritt die zweite Stimme eine unorthodoxe, sorglose Haltung: „Cast away all that you were told… oh do come and write one!“ Der dritte Stimmeinsatz bekräftigt das, und die vierte Stimme schließlich beschwört die reine Freude am Komponieren: „It´s a pleasure that is bound to satisfy.“ Doch auf dem Weg zum fertigen Werk lauern eine Menge Hindernisse, und jede klassische Fugentechnik birgt Risiken. Der Konflikt steigert sich, bis zum Schluß doch alle Stimmen einmütig beschließen: „We are going to write a fugue right now!“
Hier der vollständige Text:

So you want to write a fugue.
You got the urge to write a fugue.
You got the nerve to write a fugue.
So go ahead, so go ahead and write a fugue.
Go ahead and write a fugue that we can sing.
Pay no heed, Pay no mind.
Pay no heed to what we tell you,
Pay no mind to what we tell you.
Cast away all that you were told
And the theory that you read.
As we said come and write one,
Oh do come and write one,
Write a fugue that we can sing.
Now the only way to write one
Is to plunge right in and write one.
Just forget the rules and write one,
Just ignore the rules and try.
And the fun of it will get you.
And the joy of it will fetch you.
Its a pleasure that is bound to satisfy.
When you decide that John Sebastian must have been a very personable guy.
Never be clever
for the sake of being clever,
for the sake of showing off.
For a canon in inversion is a dangerous diversion,
And a bit of augmentation is a serious temptation,
While a stretto diminution is an obvious allusion.
For to try to write a fugue that we can sing.
And when you finish writing it
I think you will find a great joy in it.
or so…
Nothing ventured, nothing gained they say
But still it is rather hard to start.

Well let us try right now. (Yes/ No/ Why Not?)
Now we are going to write a fugue.
We are going to write a good one.
We are going to write a fugue … right now.

Gould zerstört mit diesem Durcheinander widerstreitender Aussagen den Mythos des planvoll konstruierenden Kontrapunktikers und erschafft stattdessen ein Paradoxon, ein Stück, das gleichzeitig eine Fuge ist und seine Entstehung dabei selber in Frage stellt. Die Begleitung durch den Streichquartettsatz ist ebenso doppelbödig. Die Besetzung weckt Erinnerungen an Bachs Kunst der Fuge oder an die Fugensätze in klassischen Streichquartetten, und verschiedene Zitate von Bach und Wagner, schließlich auch das Motiv b-a-c-h aus der „Kunst der Fuge“ stellen einen humorvollen Kommentar zu den sich gegenseitig ins Wort fallenden Stimmen dar. Indem Gould eine Fuge ihre eigene Anatomie darstellen läßt, hat er sie zugleich zerlegt und – zugunsten eines ironischen Erkenntnisgewinns – rekonstruiert. Am Ende haben beide gut Lachen: Gould als Komponist, und seine Hörer.

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