Darmstadt Tag 2

Morgens über einem Kaffee sitze ich vor der Mornewegschule und lasse den gestrigen Konzertabend Revue passieren. Die zwei Konzerte, erst das Arditti-Quartett und dann die Elektronik-Session in der Centralstation, hätten unterschiedlicher nicht sein können. Über die erste Hälfte des ersten Konzertes berichte ich ehrlicherweise nicht, denn ich war nicht dabei. Vor lauter Trubel kommt in Darmstadt manchmal auch das Essen viel zu kurz, und selbst der aktivste Neutöner braucht Pausen, will man sich nicht gleich in den ersten Tagen völlig verausgaben. Also widmete ich die erste Konzerthälfte dem Gott der Kalorien, und kam pünktlich zur Pause. Schade, denn der erste Teil, bestehend in neuen Stücken, hätte mich mehr interessiert als der zweite. Darmstadt ist doch der Ort des Neuen, gerade-frisch-Komponierten, und um Ferneyhoughs weithin gespielte Streichquartette zu hören, muss man nicht unbedingt hierher kommen. Oder? Allerdings, was Darmstadt auszeichnet, ist auch der Kitzel des Live-Programms, die Vielfalt an unterschiedlichsten Stilen und Genres auf dichtestem Raum in weltklassigen Interpretationen. Die Ardittis zelebrierten Ferneyhoughs sechstes Streichquartett in gewohnter Perfektion und bewundernswerter Detailgenauigkeit. Wer hätte gedacht, daß neue Musik so romantisch sein könnte? Selten habe ich in den letzten Jahren ein zeitgenössisches Stück erlebt, das so voll von vibrato, emphatischen Gesten und expressiven Unisoni ist. Die Fülle an musikalischen Kleinstereignissen, die anfangs beim Hören verwirrt, fügt sich schnell ein in ein rundes Gesamtbild, das durchaus an Schumanns Kammermusik erinnern kann, wenn man so will.
Die zweite Runde des Abends fand in der Centralstation im Herzen der Darmstädter City statt. Nicht allen liegt es, zwei Konzerte pro Abend zu hören, und nicht alle sind nach einem langen Tag noch für elektronische Klicks und Blubs zu haben, also blieben einige Stühle leer. Das Wachbleiben lohnte sich allerdings, denn das Konzert bildete einen entspannt-anregenden Tagesausklang. In lockerer Atmosphäre konnte man mit einem Bier in der Hand zwei kontrastreiche Sets verfolgen. Reges Kommen und Gehen zwischendurch gehört dazu. Die „Kippschwingungen“ von Frank Bretschneider entfalteten mit den reduzierten Klangmitteln eines „historischen“ elektronischen Instrumentes eine fast hypnotische Wirkung, verstärkt durch die morphenden Farbflächen der Videoprojektion. Markus Popps Projekt OVAL im zweiten Set bildete dazu den richtigen Gegensatz, der mich bis zum Schluß gespannt wachhielt, eine bunte Mischung aus der Bastelkiste der elektronischen Musik ohne Scheu vor Stilmischungen. Großes Plus dieser Performance: die Bühnenpräsenz von Markus Popp. Hier sitzt nicht nur ein Mann vorm Rechner, sondern auf der Bühne bewegt sich jemand, der ein Instrument spielt, spontan, emotional, aktiv, und immer reagierend auf das akustische Geschehen.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s