TOWARDS A PERCEPTION OF JOHN CAGE AS ARTIST HACKER

The influence of John Cage on the American avant-garde music scene cannot be overstated. Given the breadth of his impact as a composer and theoretician, his significance in the rise of hacker electronic culture is sometimes overlooked. (Nicolas Collins)

Gebrauchsanleitung für dieses Essay:

Hacking als kulturelle Praxis wurde und wird wesentlich durch die Entwicklung des Internet als allumfassende, nicht-hierarchische, nichtlineare Informations- und Kommunikationsquelle geprägt. Im Internet existiert jegliche Form von Inhalten mit oder ohne Verknüpfungen untereinander. Meinung wechselt mit Kolportage, Reflexion mit spontaner Aussage. Der entscheidende Bedeutungsgeber ist der User / Surfer / Spurenleser im Netz. Innerhalb des chaotischen Ganzen schafft er sich durch (Nicht-)Verfolgen von Querverbindungen seine eigene Hierarchie und Sinnhaftigkeit aus dem Mosaik aller Inhalte. Die Einheiten dieses Texts können in freier Reihenfolge gelesen werden. Jeder ist eingeladen, sich sein eigenes Bedeutungs-Netz aus den Facetten zusammenzusetzen.

HACKING ALS KULTURELLE STRATEGIE

Im Bereich der Kulturwissenschaften hat die Forschung gerade erst damit begonnen, sich mit Praktiken des Hacking als künstlerisch, politisch und sozial relevante Strategie auseinanderzusetzen. Auch wenn die Theorie und Begriffsbildung noch jung ist, kann man annehmen, dass Hacking als Äußerung menschlicher Kreativität bereits lange existiert. Außerhalb der Kunst findet man solche Praktiken als kreative Überlebensstrategien, Teil der kulturellen Evolution.
Franz Liebl beschreibt Artistic Hacking als Kunst des strategischen Handelns. Obwohl Hacking subversive Methoden anwendet, um neue Ergebnisse zu erzielen, kann man es nicht mit Medien- oder Kommunikationsguerilla gleichsetzen, da laut Liebl jeder Hack das Ziel hat, eine Innovation zu schaffen.
Stark beeinflusst wurde die heutige Theoriebildung um die Philosophie des Hacking vom Denken Michel de Certeaus. In seinen Analysen des Alltagslebens und der Mechanismen der Populärkultur beschreibt er Prinzipien des Hacking (ohne den Begriff zu gebrauchen) als „Tricks, Finten und Listen von Verbrauchern: Gehen, Reisen, Erzählen, Sprechen, Schreiben, Denken, Lesen, Machen u. a.“
Hacking ist eine Reaktion auf unsere Umwelt: statt passiver Aufnahme, sei es materieller Güter oder immaterieller Dinge wie Konzepte, Kompositionsweisen, Sprachkonventionen, greifen Menschen aktiv in den Konsum ein, und verändern durch ihr Verhalten bestehende Strukturen. De Certeau betont nicht so sehr die politisch-subversive Komponente dieser Strategie, sondern hebt als Ziel die Wiedereroberung des öffentlichen Raumes hervor. Artistic Hacking nach Certeau ist demzufolge künstlerisches Verhalten, das aus den vorgegebenen Kulturorten ausbricht, unterschiedliche Kontexte, unterschiedliche Codes miteinander in Berührung bringt: sei es in Form von Happenings, Flashmobs, künstlerischen Interventionen, Installationen.

HACKING
HACK, engl. „Hieb“: bezeichnet ein ungewöhnliches, kreatives Vorgehen zur Lösung eines Problems. Ursprünglich angewendet im Bereich des Journalismus für unorthodoxe Recherchemethoden. „Hack“ im technischen Bereich bezeichnet das Ausnutzen von bestehenden Codes oder Mitteln (Hard- oder Software), um ein funktionelles oder künstlerisch-ästhetisches Ziel zu erreichen (artist hack). Im populären Gebrauch zumeist verwendet in der Konnotation von Cyberkriminalität, umfasst Hacking als Verhaltensweise bzw. Hacker als Statusbezeichnung eine Vielzahl verschiedener Facetten sozialer, politischer, technischer sowie künstlerischer Aktivitäten. Gemeinsame Kennzeichen des Hacking sind:
1. das bereitwillige, kreative Einbeziehen und Erschaffen neuer Technologien
2. Zielgerichtetes und gleichzeitig spielerisch-exploratives Vorgehen
3. Offenheit statt Werkcharakter im Ergebnis. Tun um des Tuns willen
4. Das Subversive: Untergraben, Umdeuten, Um-Nutzen fester Codes und Strukturen mit dem Ziel, neue Handlungs- und Wahrnehmungsspielräume zu erschließen. Damit verbunden ist stets ein politisches Engagement.
5. Die Rückeroberung des öffentlichen Raumes als Raum für geistige Freiheit, politische Partizipation oder künstlerischen Ausdruck
6. Das Zurücktreten des Subjekts hinter seiner Tätigkeit
7. Das Schaffen neuer, kollaborativer Strukturen

EINFÜHRUNG – HINWEIS
Der viel beschworene „Mythos Cage“ ist ebenso schillernd wie die Bezeichnung „Hacker“. Analogien – auf der Ebene des Selbstverständnisses, der künstlerischen Methoden, des sozialen und politischen Engagements – liegen auf der Hand, sind aber schwer als direkte Rezeption fassbar. Cage war weniger künstlerisches Modell denn ein Impuls- und Ideengeber für die sich entwickelnde Kultur der elektronischen und digitalen Kunst. Statt den Einfluss einzelner Werke auszumachen, ist es sinnvoller, die Spuren der von Cage begonnenen Praktiken weiter zu verfolgen, wie sie sich in heutigen Formen des Cultural oder Artistic Hacking ausprägen. Dabei handelt es sich einerseits um Ideen und Konzepte, andererseits um technische Verfahren, die durch Cage ins Leben gerufen oder prominent gemacht wurden.

MEME CAGE

Präpariertes Klavier für ein Stück von John Cage, Innenaufnahme.

John Cage als Grenzüberschreiter ist zum Topos geworden, auch jenseits der zeitgenössischen Musikszene, im Heimatland vieler Hacker, dem Internet. Misst man Popularität in der Netzgemeinde an der Anzahl von Google-Suchtreffern zu einer Person, ist John Cage wahrscheinlich der Avantgarde-Komponist des 20. Jahrhunderts mit der größten Internetpräsenz.

Cages Werk bot von sich aus alle Voraussetzungen, um ihn zum „Mem“ werden zu lassen. Geprägt wurde der Begriff „Mem“ 1976 vom Evolutionsforscher Richard Dawkins, in Anlehnung an das „Gen“: das „Mem“ als kleinste mögliche Reproduktionseinheit der kulturellen Entwicklung, das sich vervielfältigen, entwickeln kann. Im Internet beheimatet, ist ein Mem ein Element, das auf kreative Weise verändert und benutzt wird, um sich viral weiter zu verbreiten. Copy und Paste ist nicht nur erlaubt, sondern Voraussetzung, Copyright auf Schöpfungen gibt es nicht, Autorennennungen genauso wenig. Memes sind eine Form viraler, kollektiver Kunstausübung, und als solches anonym, immer im Fluss. Bilder, Videos, Nachrichten, Gesten, Objekte, alles kann zum Mem werden, auch Kompositionen. Das „stille Stück“ 4’33“ eroberte sich in und außerhalb des Internets als Werk in unzähligen Re-interpretationen (von der klassischen Klavier-Version bis hin zur Laptop-Performancev einen Platz als Mem, und kann vielleicht als die populärste zeitgenössische Komposition im Internet gelten. Andererseits wurde es zum inhaltlichen Topos des „Musical Hack“, und zementierte John Cages Rolle als Vordenker der heutigen Artist Hacker. Hätte Cage gewusst, dass er und sein Werk so zu Ehren kommen würden? Er hätte es wahrscheinlich begrüßt.

CAGE UND COMPUTER

Computers are bringing about a situation that’s like the invention of harmony. Subroutines are like chords. No one would think of keeping a chord to himself. You’d give it to anyone who wanted it. You’d welcome alterations of it. Subroutines are altered by a single punch. We’re getting music made by man himself, not just one man. (John Cage, 1969)

OPEN ART – OPEN SOURCE
Cages offenherziger Umgang mit neuen Technologien bewirkte eine starke Rezeption seiner Ideen von Seiten technikaffiner Künstler wie kunstinteressierter Programmierer. Sein Eintreten für die Freiheit geistigen Eigentums fand reges Echo in der Ende der 60er Jahre einsetzenden Open Source/Free-Software-Bewegung. Einer der prominentesten heutigen Hacker, Gründerpapst und Entwickler der Free-Software-Bewegung ist Richard Stallman. 1984 setzte er mit dem GNU Projekt einen Meilenstein in der Entwicklung und Verbreitung der freien Software. Stallman ließe sich ebenso wie John Cage als „Gesamtkunstwerk“ bezeichnen. Neben seinem Engagement für freie Software setzt er sich gegen Digital Rights Management und für eine Reform des bestehenden Urheberrechts digitaler Medien ein, arbeitete für Fernseh- und Radiostationen und komponierte den sogenannten Free Software Song, der auch als „Hymne“ der Free-Software-Bewegung gilt.

STALLMAN – ON HACKING

The hacking community developed at MIT and some other universities in the 1960s and 1970s. Hacking included a wide range of activities, from writing software, to practical jokes, to exploring the roofs and tunnels of the MIT campus. Other activities, performed far from MIT and far from computers, also fit hackers‘ idea of what hacking means: for instance, I think the controversial 1950s „musical piece“ by John Cage, 4’33“ (***), is more of a hack than a musical composition. […]
It is hard to write a simple definition of something as varied as hacking, but I think what these activities have in common is playfulness, cleverness, and exploration. Thus, hacking means exploring the limits of what is possible, in a spirit of playful cleverness. Activities that display playful cleverness have „hack value“. (Richard Stallman)


DONALD KNUTH – THE ART OF PROGRAMMING

Science is what we understand well enough to explain to a computer. Art is everything else we do. (Donald Knuth)

Computer programming is an art, because it applies accumulated knowledge to the world, because it requires skill and ingenuity, and especially because it produces objects of beauty. A programmer who subconsciously views himself as an artist will enjoy what he does and will do it better.
(Donald Knuth)


CODE ALS TEXT ALS KUNST

Im Bezug auf computergestützte mediale Kunstwerke wird zumeist deren Herstellungsprozess, die verwendeten Algorithmen und Programme, vom „Endprodukt“ abgekoppelt. Cage gehörte zu den Ersten, die dem Computer und der Programmierung Zugang zur künstlerischen Praxis gaben und nicht nur das Ergebnis ihrer Arbeit, sondern auch den dahinterliegenden Prozess und die technischen Mittel als Teil des Kunstwerks thematisierten. Dies bereitete die Basis für die Entwicklung nicht nur der genuin digitalen Kunst, sondern auch für die künstlerische Wahrnehmung von Code und Maschinen.
Der amerikanische Mathematiker und Informatiker Donald Ervin Knuth hatte 1997 mit seinem Grundlagenwerk The Art of Computer Programming die Bedeutung von Programmierung nicht nur als Werkzeug, sondern als bedeutende Kulturleistung und Kunst zementiert. Sowohl John Cage (1989) als auch Knuth (1996) erhielten für ihre Verdienste den Kyoto-Preis, eine der welthöchsten Auszeichnungen für Kulturleistungen.
Als Mischform zwischen Dichtung und Programmierung wird innerhalb der Software-Hacker-Szene heute auch das Schreiben von Quellcode zur Kunstform – Code Poetry. Code selbst wird als Kunst wahrgenommen, wird nicht nur nach funktionalen, sondern auch nach ästhetischen Standards beurteilt. Cages Mesostics, seine durch Anwendung verschiedener Zufallsprozesse generierten Texte, sind als Vorläufer dieser Form von Literatur zu lesen. Sie sind nicht nur selbst als Codes und Ergebnisse technischer Verfahren, zu interpretieren, sondern transzendieren gleichzeitig ihre Herkunft, erschaffen eigene poetische Räume. Bei Code Poetry wird, in umgekehrter Reihung, der Quellcode selbst als Gedicht formuliert, dessen Inhalt und Form die bloße Funktion des Codes übersteigt. Code Poetry ist innerhalb der Internetgemeinde vielfach Gegenstand von Wettbewerben – Kunst als spielerische Herausforderung zum kreativen Umgang mit Codes.

… AND THAT IS POETRY… –

#!/usr/bin/perl

APPEAL:

listen (please, please);

open yourself, wide;
join (you, me),
connect (us,together),

tell me.

do something if distressed;

@dawn, dance;
@evening, sing;
read (books,$poems,stories) until peaceful;
study if able;

write me if-you-please;

sort your feelings, reset goals, seek (friends, family, anyone);

do*not*die (like this)
if sin abounds;

keys (hidden), open (locks, doors), tell secrets;
do not, I-beg-you, close them, yet.

accept (yourself, changes),
bind (grief, despair);

require truth, goodness if-you-will, each moment;

select (always), length(of-days)

# listen (a perl poem)
# Sharon Hopkins
# rev. June 19, 1995


GEMENISCHAFT – ZUSAMMENARBEIT

John Cages Werke sind vielfach nicht als Kunstwerke im Sinne einer abgeschlossenen Einzelleistung zu interpretieren, sondern Ergebnis eines teils ergebnisoffenen, kollektiven Arbeitsprozesses mehrerer Beteiligter. Dabei suchte sich Cage Mitstreiter, die genauso unkonventionell arbeiteten wie er. Ihn verband insbesondere eine langjährige Zusammenarbeit mit Merce Cunningham und David Tudor. Tudor gehört zu denjenigen Musikern, die geradezu beispielhaft das Bild eines Hacker Artist illustrieren: Neben seinen Fähigkeiten als Pianist komponierte Tudor elektronische Musik und entwickelte eigens dafür neuartige Musikinstrumente. So wie Cages Klaviermusik vielfach durch Tudors spezielle Fähigkeiten als Performer und Improvisator beeinflußt ist, prägte die Zusammenarbeit mit John Cage. Tudors Profil als Künstler und führte dazu, dass Tudor nach seinen Anfängen als Pianist immer mehr der elektronischen Musik zuwandte. Auch der Komponist Andrew Culver gehörte zum Kreis dazu. Neben seiner Tätigkeit als Künstler programmiert und pflegt er mehrere Softwarewerkzeuge, die von Cage zur Generierung von Zufallseintscheidungen oder Strukturen verwendet wurden, so unter Anderem eine Software-Implementierung des chinesischen „I-Ching“-Orakels.
Als letztes, posthumes Werk aus der Zusammenarbeit von Cage, Cunningham, Tudor und Culver entstand Ocean, eine Performance, die Instrumentalmusik, Elektronik, Bühne und Tanz miteinander verband. Cage hatte noch an der Konzeption mitgewirkt, realisiert wurde das Projekt erst einige Jahre nach seinem Tod in mehreren Versionen. In den verschiedenen Realisierungen variieren nicht nur Ausdrucksform, sondern auch die künstlerischen Anteile der beteiligten Schöpfer verschwimmen zu einem variablen, kollektiven Gesamtwerk.

Kollaborative Arbeitsprozesse wurden durch die Entwicklung der neuen Medien vorangetrieben und erleichtert, und stellen einen wichtigen Grundgedanken des Hacking dar. Hacking kann in verschiedensten Bereichen stattfinden, entstammt aber einer gemeinsamen Motivation und einem gemeinschaftlichen strategischen Verhalten. Daraus resultiert teilweise sogar eine Art Klassenbewusstsein. Aus lokalen Treffpunkten und Werkstätten von Kreativen entstand ein weltweites Netz von sogenannten „Hackerspaces“, offenen Treffpunkten für Menschen, die gemeinschaftlich an künstlerisch-technischen Projekten arbeiten.


nebula.m81 – Screenshot. Copyright Netochka Nezvanova, 1999.

Daneben gibt es auch Gruppen, die unter einem gemeinsamen Pseudonym arbeiten. In Hacker-Kollektiven wie Anonymous (bekannt für politischen Hacktivismus) oder dem Schweizer Künstlerkollektiv Bitnik wird eine gemeinsame künstlerische oder politische Richtung verfolgt, die Einzelleistung ordnet sich dem gemeinschaftlichen Projekt unter. Bitnik wurde bekannt durch das Projekt „opera calling“, eine künstlerische Intervention in Zusammenarbeit mit Sven König im Opernhaus Zürich. Der Aufführungsraum wurde mit sogenannten „audiobugs“, Abhörwanzen, ausgestattet, die während Proben oder Vorstellungen das akustische Geschehen aufnehmen und über Funk an zufällig ausgewählte Nummern des Zürcher Telefonbuchs übertragen. So erhalten ahnungslose Bürger einen anonymen Anruf, werden mitten in ihrem Alltag mit Oper konfrontiert. Eine Erhebung im Laufe des Projekts ergab, dass einzelne Angerufene bis über 2 Stunden lang zuhört hatten, ehe sie auflegten.

Während Bitnik und Sven König ihr Projekt 2007 offiziell durchführte, um bewusst den obskuren Charakter vieler kollektiver Hacks im Sinne einer öffentlich wahrnehmbaren politisch-künstlerischen Botschaft zu vermeiden, arbeitet das Netzkünstlerkollektiv Netochka Nezvanova mit genau entgegengesetzten Strategien. Netochka, auch N.N. genannt, ist eine vorwiegend im Internet aktive „Person“. Ihr Sprachrohr zur Öffentlichkeit sind Foren und Mailinglisten, in denen sie unter verschiedenen Pseudonymen ihre Meinung vertritt. Sie benutzt ihren Namen (nach einer Romanfigur Dostojewskis benannt, aus dem Russischen übersetzbar mit: „namenloser Niemand“) als gemeinschaftliche Identität, und verbirgt dahinter völlig die einzelnen Mitglieder. Wer und wie viele Personen aber letztlich dem Kollektiv angehören, gilt als geheim. Die Gruppe personifiziert sich selbst als Frauenfigur, und wurde sogar bereits als eine der „Top Women of the Web“ nominiert. N.N. ist aktiv im Bereich der Videokunst und zeichnet verantwortlich für die Software Nato.0-55 und nebula.m81 mit der Videos und Klänge in Echtzeit generiert und bearbeitet werden können. Gleichzeitig gilt sie als eine der wachsten kritischen Instanzen des Internets, und äußert sich zu politischen, ästhetischen und gesellschaftlichen Themen. Das Vorgehen von N.N. umfasst also bei Weitem mehr als nur den Bereich der Softwareprogrammierung. Durch Audiovisualisierung von Daten thematisiert N.N. das Internet als Kunstobjekt per se, und hat sich gleichzeitig selbst durch das Netz zur Kunstgestalt, zum Mem, erhoben.

FREIHEIT UND ANARCHIE
Was heute als Creative Commons ein Lizenzsystem für die freie Verbreitung kreativer Inhalte im Internet ist, hat seinen Vorläufer in der open art-Bewegung, die eng mit der Entwicklung des Open-Source-Gedankens verbunden ist. Cages vehementes Eintreten für Freiheit der Kunst von kommerzieller Vereinnahmung und für die Selbstbestimmung von Menschen über geistiges Eigentum, wurde auf der Seite der digitalen Kultur enthusiastisch rezipiert.

A mathematical formula should never be „owned“ by anybody! Mathematics belong to God. (Donald Knuth)

We’re getting music made by man himself, not just one man. (John Cage)

Der Anarchiegedanke, den Cage in seinen Interviews und Texten immer wieder betonte, kommt in seine Werken in Form von neuen Ausführungs- und Organisationsformen zum Ausdruck. Im Piano Concerto ist die hierarchische Struktur des Orchesters aufgehoben, alle Musiker sind gleichberechtigte Solisten. In frei organisierten Stücken wie den Variations erschafft sich jeder Performer aus den gegebenen Regeln selbst sein Material, bestimmt seine eigene Handlungsweise und wird so gleichberechtigter Partner des Komponisten.

Most of my life I thought that I had to find an alternative to harmony, but the harmony I was thinking about was the one that had been taught at school. Now I see that everything outside of school is also harmonious…
A changed definition of harmony; one that doesn’t involve any rules or laws. You might call it an anarchic harmony. Just sounds being together. (John Cage)

Weil Hacking gegen Bestehendes aufbegehrt, lässt sich dadurch vielleicht die Affinität der Hacker Artists zu Manifesten und Grundsatzthesen erklären. Wark McKenzies Hacker Manifesto ist genauso wie Timothy Mays Crypto Anarchist Manifestoxxi eine vollmundige Parodie auf Marx‘ Kommunistisches Manifest und stellt den sogenannten „Hacktivismus“ als Mittel zur gesellschaftlichen Revolution dar. Skeptiker mögen da die Stirn runzeln – und doch lässt sich auch John Cages Texten ein gewisser Hang zur Ideologiebildung, zu griffigen Sentenzen nicht absprechen. (Nicht umsonst kritisiert Claus-Steffen Mahnkopf aufs Heftigste die quasi-theologische Rezeption von John Cages Texten!) Dennoch, entfernt man die vollmundigen Thesen, den politischen Kontext, dann bleibt ein utopischer Gedanke von Weltverbesserung, der auch noch John Cages Texte mit den Manifesten der revolutionären Hacker verbindet…


A HACKER MANIFESTO

Whatever code we hack, be it programming language, poetic language, math or music, curves or colourings, we create the possibility of new things entering the world. Not always great things, or even good things, but new things. In art, in science, in philosophy and culture, in any production of knowledge where data can be gathered, where information can be extracted from it, and where in that information new possibilities for the world are produced, there are hackers hacking the new out of the old. While hackers create these new worlds, we do not possess them.
(Wark McKenzie)

KLANG. KUNST. TECHNIK.MUSIK.
Neben allen indirekten und ideellen Verbindungen, die man zwischen John Cage und der Hacker-Szene ziehen kann, gibt es natürlich auch Bereiche, in denen direkte Spuren von Cages musikalischem Schaffen zu finden sind. Dies betrifft vor Allem ein weites Feld künstlerischer Aktivität, das man vage mit Begriffen wie Medienkunst, elektronische Musik, Internetkunst umreißen kann. Ohne Cages Konzept vom allumfassenden Klang und der Stille als Musik wären heutige Soundscape-Kompositionen und Installationen nicht denkbar. Dazu kann man Cage als Pionier auf dem Gebiet moderner Arbeitsmethoden elektronischer Musik bezeichnen: Sonifikation, Audifikation, Sampling, Mixing.
Cages Werksammlung Imaginary Landscape bedient sich außer Radios auch anderer elektronisch aufgezeichneter und generierter Klänge, wie Schallplatten oder elektronischen Oszillatoren. Die Komposition Williams Mix besteht aus mehr als 600 einzelnen Aufnahmen von Umweltgeräuschen, Stimmen und Musik, die 1952-53 von Cage in Zusammenarbeit mit Earle Brown, Louis und Bebe Barron und David Tudor zu einer Klangcollage zusammengefügt werden. Williams Mix erlaubt, da das Material auch noch in seinen Einzelbestandteilen vorliegt, ein erneutes Remixen oder eine neue „Coverversion“ des Stückes. Anläßlich von Cages 100. Geburtstag schufen die beiden Klangkünstler Werner Dafeldecker und Valerio Trifoli eine Neufassung namens Williams Mix Extended, die um eine Visualisierung der Tape-Notation Cages durch den Videokünstler lillevan ergänzt wird.

in caelum. Installation von Marian Weger und Peter Venus. esc labor Graz, 2012.

Eine der bekanntesten Kompositionen Cages, Atlas Eclipticalis (1961-62), lässt sich als frühes Beispiel für künstlerische Sonifikation bezeichnen. Sonifikation bedeutet die Verklanglichung von abstrakten Daten (Naturphänomenen, Code, Literatur…). So werden außermusikalische Phänomene oder Strukturen künstlerisch thematisiert, entfalten eine neue Wahrnehmungsebene. Cage übertrug einen Ausschnitt einer Himmelskarte in das Raster einer Orchesterpartitur, und benutzte Zufallsoperationen, um Instrumentation und Tonhöhen festzulegen. Mehr als eine exakte Übertragung faszinierte ihn die Zeitlosigkeit und Weite des Weltalls. Diese Idee, die seit der Antike Generationen von Künstlern zur Auseinandersetzung mit dem Universum gebracht hat, spiegelt sich auch in einem aktuellen Projekt der Grazer mur.sat-Gruppe. Ein Kollektiv aus Technikern und Künstlern konzipiert und baut einen eigenen Satelliten, der Bilder aus dem Orbit senden und durch eine Onlineplattform für die Öffentlichkeit auf seinem Weg verfolgbar sein soll. Begleitend zu diesem technischen Projekt entstand 2012 die Installation in caelum von Marian Weger und Peter Venus, die sich als Hommage an Cages Atlas verstehen läßt: In ein live aufgenommenes Videobild der Stadt werden die Spuren der im Augenblick am Himmel vorbeiziehenden Satelliten eingeblendet und durch Klänge hörbar gemacht. So entsteht, über Cage hinausgehend, ein audiovisueller Eindruck eines uns sonst verborgenen Raums außerhalb der Erde, der gleichzeitig durch seinen live-Bezug unsere Wahrnehmung für unsere Umwelt, den Himmel über uns, verändert.

TOWARDS HACKING AS MUSICAL PRACTICE

Gerade in bezug auf Komponisten, deren Werk sich einer rein musikalischen Kategorisierung entzieht, ist es sinnvoll, die musikwissenschaftliche Betrachtung um performative, medienwissenschaftliche und kulturwissenschaftliche Sichtweisen zu erweitern. Eine Kulturgeschichte der Musik als Artistic Hacking ist noch nicht geschrieben worden. Cage hätte darin einen bedeutenden Platz.

LITERATUR

Nicolas Collins, Handmade Electronic Music: New York 2006, S.38.
Thomas Düllo, Franz Liebl (Hg.): Cultural Hacking: Kunst des Strategischen Handelns, Wien/New York 2005.
Michel de Certeau, Kunst des Handelns: Berkeley 1984, S.27
Google-Suche: 55.200.000 Suchtreffer bei Google für Cage, nur 1.330.000 für Stockhausen, 2.240.000 für Pierre Boulez. Zum Vergleich: 617.000.000 Treffer für Lady Gaga, 681.000.000 für Michael Jackson! Die Suche wurde durchgeführt am 30.09.2012.
http://www.vimeo.com/26719356 Stand: 30.09.2012.
Richard Kostelanetz, John Cage – An Anthology: New York 1968, S.209.
http://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Free_Software_Song_Bulgarian_Style.ogg, Stand: 28.09.2012.
Richard Stallman, On Hacking, 2002, Ressource: http://www.stallman.org/articles/on-hacking.html, Stand: 30.09.2012.
Donald Knuth, Vorwort zu: Marko Petkovsek, Herbert Wilf and Doron Zeilberger: A=B, (1996). Online-Buch auf: http://www.math.upenn.edu/~wilf/AeqB.html Stand: 30.09.2012
Donald Knuth, 1974 Turing Award Lecture, Communications of the ACM Bd.17 ( Ausg.12), New York 1974, S. 667–673, S.673.
http://cramer.pleintekst.nl:70/all/concept_notations_software_art/selbstausfuehrender_entwurf.txt
http://docstore.mik.ua/orelly/perl/prog3/ch27_02.htm, Stand: 30.09.2012
Donald Knuth, The Art Of Computer Programming. Reading 1997 ff. Bis jetzt sind 4 Bände des auf 10 Bände konzipierten Werks erschienen.
http://www.anarchicharmony.org/People/Culver/CagePrograms.html
http://www.opera-calling.com/about/index.html Stand: 28.09.2012
Katherine Mieszkowski, The Most Feared Woman on the Internet, http://www.salon.com/2002/03/01/netochka/ Stand: 30.09.2012
Donald Knuth: Digital Typography, Stanford 1999, Kap.1, S.8
http://www.corpusweb.net/cd07-john-cage-interview-1990.html Stand: 28.09.2012
http://www.activism.net/cypherpunk/crypto-anarchy.html Stand: 30.09.2012
Wark McKenzie, A Hacker Manifesto.
http://www.marianweger.com/projects/in_caelum.shtml Stand: 30.09.2012

Creative Commons Lizenzvertrag
Dieses Werk ist lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung – Nicht-kommerziell – Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 International Lizenz.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s