So viel mehr an Oper…

Vier Opern-Uraufführungen von Studierenden im Grazer Opernhaus

Nachdem vor einigen Jahren viele von einer „Krise der Oper“ gesprochen haben, kann man in den letzten Jahren bemerken, daß die totgesagte Gattung Oper sehr lebendig ist. Es werden nicht nur viele Stücke neu- und wiederaufgeführt, sondern das Angebot erstreckt sich mittlerweile auch auf den Berich von Nachwuchsförderung für den Opernbetrieb. Dazu zählen nicht nur Ausbildungen und Wettbewerbe für SängerInnen, RegisseurInnen, DramaturgInnen sondern auch zahlreiche Kompositionswettbewerbe. Seit nunmehr neun Jahren existiert in Graz ein Förderprojekt für Studierende, das auf seinem Gebiet einmalig ist: alle zwei Jahre wird von der Grazer Oper gemeinsam mit der Kunstuniversität Graz ein Opern-Aufführungspraktikum für NachwuchskomponistInnen ausgeschrieben. Ins Leben gerufen wurde die Initiative 2005 vom damaligen Grazer Opernintendanten Jörg Koßdorf. Dieses Projekt, das dieses Jahr in die vierte Runde ging, bietet je vier ausgewählten Kompositionsstudierenden der Grazer Kunstuniversität die Möglichkeit, ein neues Werk zu schaffen, das unter professionellen Bedingungen im Grazer Opernhaus aufgeführt wird. Die Erarbeitung jeder Oper, von der Auswahl der KomponistInnen bis hin zur Uraufführung, erstreckt sich über einen Zeitraum von zwei Jahren und findet unter professioneller Begleitung durch die Kompositionsprofessoren, die Regie und die musikalischen Leiter statt. Den Studierenden wird so eine praxisnahe Erfahrung im Umgang mit dem „Opernalltag“ ermöglicht.
Soviel zur Vorgeschichte dessen, was vom 6.-11. Mai unter dem Titel „Soviel mehr an Leben“ auf der Probebühne der Grazer Oper als Gesamtvorstellung – vier Werke an einem Abend – zu erleben war. Für die Regie zeichnete Ernst Marianne Binder verantwortlich, der als Leiter des dramagraz in der Theaterszene in Österreich kein Unbekannter ist. Nach zahlreichen Beschäftigungen mit modernen Stoffen ist dieses Projekt sein Debut als Opernregisseur. Mit sparsamen Mitteln, nah am Text aber dramatisch wirkungsvoll setzt er die vier Mini-Opern um. Er verzichtet auf Kulissen und setzt stattdessen das Orchester hinter einem Vorhang in Szene. Die schemenhaften Bewegungen der MusikerInnen werden so zum Bühnenbild und Motor des Geschehens. Einzig rätselhaft bleibt, warum der Dirigent, separat inszeniert, einsam in einem Lichtkreis am vorderen Bühennrand dirigieren muss. Die musikalische Leitung lag, prominent besetzt, in den Händen Beat Furrers, der das feinfühlig agierende Studierenden-Ensemble „PPCM“ (Studierende des Klangforum Wien im Masterstudium Zeitgenössische Musik) dirigierte.
Den Auftakt des Abends macht der taiwanesische Komponist Wen-Cheh Lee mit der titelgebenden Kammeroper „So viel mehr an Leben“ nach einem Text von Franz Kafka. Der Komponist gestaltet die Vater-Sohn-Beziehung als ein Aufeinandertreffen zweier Welten: während der Sohn stammelnd, singend, in hoher Stimmlage (überzeugend gestaltet von Martin Fournier) seinem Gefühlsleben Ausdruck gibt, antwortet der Vater als Sprechrolle (Bassbariton: David McShane). Das Orchester fungiert als Verstärker der psychologischen Spannung und webt einen dichten Klangteppich aus expressiven Gesten. Umrahmt und kommentiert wird das Ganze von einem Chor, der die eindringlichste Szene des Werks verkörpert: wortlos fallen sich Vater und Sohn in die Arme, umrahmt von einem schwebend-schönen A-Cappella-Satz, der allen nicht ausgesprochenen Gefühlen der beiden Figuren Ausdruck verleiht.

Das zweite, Werk des Abends, Hystera, stammt vom Griechen Zesses Seglias, nach einem Text von Sophie Reyer und sticht durch seine Kürze und emotionale Dichte besonders hervor. Es thematisiert einen ähnlichen Konflikt, zeigt jedoch die Perspektive einer Frau. In einem inneren Monolog setzt sich eine Mutter mit ihrem Kind auseinander. Szenisch und musikalisch gestaltet ist die Zerrissenheit der Hauptfigur durch eine Teilung in zwei Gestalten: eine sprechende Schauspielerin (Gina Mattiello) und eine textlos singende Sopranistin (Shirin Asgari). Beide umkreisen sich, verfolgen sich, trennen sich und finden manchmal, scheinbar?, zueinander. Subtil, aber wirkunsvoll gestaltet die Regie diesen inneren Konflikt. Als einziges Requisit auf der ansonsten leeren Bühne dient eine mächtige Hängelampe, in deren dickes weißes Licht die beiden leuchtend rot gekleideten Gestalten ein- und austreten. Die mal ruhige und dann wie Magma brodelnde Musik bildet das Gegengewicht und die verbindende Klammer zum Frauenduo.

Eine richtige Medieninstallation auf der Bühne zeigt Yukiko Watanabes Werk „Die weiche Mondin“. Die Bühne wird hier auf mehrere Ebenen erweitert. Eine musikalische Schicht ist der Frauenchor, der von oben auf der Galerie agiert. Im Kontrast dazu steht die einsame weibliche Hauptfigur (eindringlich gestaltet durch Avelyn Francis) auf der Bühne, in deren Träumereien physikalische und emotionale Vorstellungen eines apokalyptischen Geschehens (der Mond fällt auf die Erde) zusammenkommen. Die dritte Ebene der Inszenierung bildet die Installation des japanischen Künstlers Daisuke Nagaoka. Die imaginierte Handlung des Monds, der auf die Erde fließt und die beiden in einer Großstadt lebenden Hauptfiguren einhüllt, wird kongenial umgesetzt. Auf einem großen Bildschirm kann man der zeichnenden Hand des Künstlers folgen. So wird das Schreiben und Auslöschen selbst zur Handlung, wechselt zwischen Realisierung und Fiktion. Das Orchester agiert sparsam, setzt Akzente mit feinen Instrumentalaktionen und schafft mit einem Chor singender Gläser eine zauberhafte, surreale Atmosphäre.

Das letzte Werk bildet mit einer weiteren Kafka-Vertonung die inhaltliche Klammer zum Anfang des Abends. In „K. Frammeti d´attesa“ (K. Fragmente des Wartens) hat der florentinische Komponist Lorenzo Romano Auszüge aus den Novellen „Das Schloss“ und „Eine kaiserliche Botschaft“ vertont. Im Gegensatz zur sehr „zeitgenössisch“ gehaltenen Stilistik der drei anderen Werke fällt die Musik von Romano mit ihren vollen, spätromantisch gefühlten Gesten fast aus dem Rahmen. Gesungen wird auf Italienisch (überzeugend vor Allem: Ivan Orescanin), der Sprechtext bleibt auf deutsch. Kafkaesk unerklärt ist der Auftritt des adretten Cellisten, der ein umfangreiches Solo auf der Bühne zu spielen hat. Ist dies das Alter Ego des Komponisten? Der Überbringer unausgesprochener Botschaften?c

Allen vier Werken war gemeinsam, daß sie einen merkbar düsteren Horizont aufspannten. Thematisiert wurden gescheiterte Beziehungen, unerfüllte Hoffnungen, existenzielle Ängste – zeitlose Probleme, die breiten Identifikationsraum bieten. Jeder der vier KomponistInnen verwendete versiert die gesamte Klangpalette der „zeitgenössischen Musik“. Die Verbindung mit den spannenden Texten ermöglichte es selbst unerfahrenen HörerInnen, sich mit den neuen Klängen zu identifizieren. Rauschender Applaus und ein stets ausverkauftes Haus waren der Lohn für die gelungene Arbeit. Großer Respekt gilt den vier jungen KomponistInnen, die sich auf das Wagnis „Oper“ einließen.

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