Zur Situation der Kunst – von 1987 bis heute

Die Sängerin Carla Henius hat nicht nur ungemein viel in ihrer Zusammenarbeit mit Komponisten wie Luigi Nono und Dieter Schnebel geleistet, sie war auch eine wache und aktive Teilnehmerin am Kulturleben, sowohl als Kuratorin von Festivals wie auch als Pädagogin und Kommentatorin. In einem alten Artikel von ihr, der 1987 in der ZEIT erschienen ist, habe ich folgende Passage gefunden, die anstandslos auch heute geschrieben sein könnte. Bleiben denn die Probleme wirklich immer die gleichen, ändert sich nichts? Was können wir dafür tun, wie können wir uns heute einsetzen?
Hier das Zitat:

Für die Entwicklung und das Leben der Künstler aus allen Bereichen – Musik, Bildende Kunst, Sprache – scheinen ähnliche Regeln zu gelten wie für die Politiker. Unter diesen gab es früher „Staatsmänner“. Die konnten auf lange Sicht ihre Visionen, Reformen und Strategien erfinden und planen, ausgreifend auf ein halbes Jahrhundert und mehr, das sie damit prägten. Ihnen gegenüber stehen heute die Politiker, die alle vier Jahre Wahlen gewinnen müssen und die keinen Entwurf vorlegen können, zu dessen Verwirklichung es mehr als eine knappe Legislaturperiode braucht. Dieser Konsens, daß nur der rasche Erfolg zählen kann, trifft auch die Künstler. „Trends“ werden wichtiger genommen als die Entwicklung der bedeutenden Einzelperson, niemand hat Einsicht und Zeit, auf deren Reife zu vertrauen, Irr- und Umwege zuzulassen. Die Ausformung eines Alterswerks oder eines Altersstils ist kaum noch möglich. Ebenso bedroht ist alles, was Trends und rasch wechselnden Tagesmoden zuwiderläuft.

Nach der dezidierten Kunstfeindlichkeit in den Jahren nach 1968, gegen die man wenigstens noch polemisieren und streiten konnte, leiden wir jetzt unter Liebesentzugs-Erscheinungen und laufen Gefahr zu ermatten. Damals war man gegen die „Kunst“. Heute will man zwar „Kunst“ haben, aber sie darf nichts kosten – jedenfalls nicht in künstlerischen Bereichen, die kein „Markt“ sind. „Kunst“ soll heute so sein, als sei sie zur Unterhaltung „für alle“ gemacht und gedacht. Das heißt, sie muß in Begriffen eines politischen Wahlprogramms formulierbar sein. Dem Neuen, Werdenden zum Leben zu verhelfen, ist ungeheuer schwer geworden. Und ebenso schwer ist es, in diesem festen Gefüge irgend etwas zu verändern – wobei mit Veränderung wohl Verbesserung gemeint sein dürfte.

Aus: Carla Henius, „Die tägliche Drecksarbeit“, ZEIT Nr.28/1987

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