Niemandsländer – Eine Rezension von Evelin Koberg zum Tanzabend „Niemandsländer“ in Graz am 11./12.11.2016:

 

Ein dreiteiliger Tanz-Performance Abend zum Thema „Niemandsländer“ stand auf dem Programm: eine ungewöhnliche Namensgebung, die in ihrer Offenheit dem Interpretatorischen also breiten Raum lässt. Und so war es auch zu erleben: bei den beiden Tanz-Soli (Valentina Moar, Howool Baek) und bei der Video-Installation ( Francesco Collavino) mit Live-Musik (Kontrabass: Margarethe Maierhofer-Lischka).

Das Video, bewegte sich am unmittelbarsten an dem, was konkret zumeist mit dem Begriff assoziiert wird: geographisch-politischer Raum, verbunden mit gewaltsamer und oder illegaler Übertretung. Andere Beispiele der eng getakteten Bilderflut konnten zum Teil als Grenzbereiche in Lebenssituationen oder –umständen, als Graubereiche gedeutet werden. Oder aber man interpretierte diese visuelle Überflutung als bewussten formalen Gegenpol zu den beiden Soli, deren Vermittlungsebene im Zurückgenommenen ihre Qualitäten hatten.

Herauszunehmen und gleichzeitig hervorzuheben ist vorweg aber noch der musikalische Part des Video-Teils von „Welcome“, der als hochkonzentrierte, anspruchsvolle Improvisation nachdrücklich seine akustischen Spuren hinterließ; auch wenn die am Abend-Programmzettel angeführte Utopie, die sich aus Bild und Ton ergeben sollte, eher ein Wunsch-Traum blieb.

Valentina Moars Sequenz „ Abschied von zu Hause“ birgt die Kraft, als Metapher ganz allgemein für den hinter Abschied und Loslösung stehenden Leerraum, für emotionale Zwischen- und Niemandsländer zu stehen. In den vier Ecken des Bühnenraums, unabhängig voneinander verortet sie auch inhaltlich ihre Szenen klar voneinander unterschiedenen ab: Eine rote Wand steht für Lebendigkeit und Kraft, für gelebtes Leben. Davon, von welcher Lebens-Phase auch immer, gilt es sich zu lösen, unfreiwillig. Ohne mit großen Gesten einen Abschied zu verdeutlichen, ist es gerade das Wenige, das in seiner Befangenheit den Schmerz visualisiert.

Die Einengung des Agitationsradius‘ wird in der zweiten Szenen als körperliches Phänomen sichtbar: Vertrautes (in der Bewegung) ist verloren gegangen, Neues wird ungelenk, mitleiderregend-absurd ausprobiert. Bekannt-Gekonntes kann manchmal noch kurz aufgerufen werden – Halt gibt es keinen mehr; Unbekannt-Stärkendes scheint in weiter Ferne. Es folgt, was als intellektuelle Auseinandersetzung im Haltlosen sich als Physisches in Minimalbewegungen manifestiert: und dabei ist es insbesondere die Mimik, die Moar mit viel Feingefühl und Bandbreite als Abbilder des Inneren tief in den Raum zeichnet.
Die bedrohliche End-Szene auf einer einbeinigen, schwankenden Tischplatte bedarf nicht viel an Bewegung, um für sich zu sprechen; und sie wird auch nicht (unnötig) in die Länge gezogen. Ein in seinen feinsinnigen Details überaus dichtes Kurz-Programm – unverkennbar in Moars Handschrift und doch wieder neu, anders.

In anspruchsvollem Gegensatz dazu die „Seh-Schule“ von Howool Baek, die konsequente Herausforderung, Gesehenes zu hinterfragen. Oder anders: sich der Erwartungshaltung als Grundlage des sehenden Erkennens und seiner Manipulierbarkeit bewusst zu werden. Allein wenn diese Erkenntnis greift, hat dieses kluge Unterfangen, Seh- und damit Beurteilungsverhalten in Form „einfacher“ kleiner, aber umso ungewöhnlicher arrangierter Bewegungen eines Körpers am Boden, vorzuführen, hat „Foreign body“ ein wichtiges Ziel erreicht. Und das, indem sich ein Körper, von dem man vor allem die Arme und den oberen Kopf sieht, von rechts nach links bewegt, indem sich Hände, scheinbar abgelöst vom Körper, im Unbekannten vortasten, indem der (eigentlich bekannte) Körper zum fremdgesteuerten Objekt wird: beängstigend einerseits wie (erschreckend)faszinierend als ästhetisch ansprechende „Welle“ andererseits.

Der Künstlerin geht es laut Abendzettel um „ unfamiliar body“, was vor allem und erfolgreich umgesetzt wird; weitgehend versteckt hält sich das Thema „body of imigrant“; und „an object has come into something else, usually by accident, and should not be in it“ klingt vielversprechend konnte aber auch nur in der vereinfachten, oben angedeuteten Form der Welle erkannt werden. Dennoch: das eigenwillige, in seiner Rezeptionsmöglichkeit komplexe Werk, lässt kaum unbeteiligt.

Rezension auf tanz.at

Ich höre die Steine, sehe den Klang und lese das Wasser” – Luigi Nonos / Robert Wilsons Prometeo als künstlerischer Übersetzungsprozess im Spannungsfeld zwischen Klang und Choreographie

Es gilt als eines der größten und bedeutendsten Musiktheaterwerke des 20. Jahrhunderts: “Prometeo” von Luigi Nono. 1984 in Venedig in der aufgelassenen Kirche San Lorenzo uraufgeführt, ist es mittlerweile fest verwurzelt im Bühnenkanon. Prometeo trägt den Untertitel “tragedia dell’ascolto” – eine Tragödie des Hörens. Dieser Untertitel hat sowohl auf wissenschaftlicher als auch auf künstlerischer Seite für Aufsehen gesorgt. Was Sie in einer Aufführung erleben, ist üblicherweise in erster Linie Klang, wie in den einleitenden Minuten. Dennoch wurden in den letzten 30 Jahren immer wieder visuelle Inszenierungen versucht – meist mit gespaltener Reaktion. Die bis heute umstrittenste Inszenierung enstand 1996. Federführend war der amerikanische Regisseur und Choreograf Robert Wilson. Dabei handelt es sich um die bisher einzige choreografierte Prometeo-Realisierung, die im März 1996 am Brüsseler Theater de la Monnaie stattfand.
In einem Vortrag am 18.11.2016 bei der Jahrestagung 2016 der deutschen Gesellschaft für Tanzforschung (GTF) habe ich diese Produktion anhand Archivmaterialien untersucht. Wenn man die Beziehung zwischen Nono und Wilson betrachtet, dann lässt sich diese Aufführung nicht als „eindimensionale Bebilderung“, sondern als gegenseitiger künstlerischer Austausch- und Übersetzungsprozess vom Klanglichen ins Bildliche verstehen.

Zitat der Woche

Die Furcht vor dem Schein entsteht, indem die Leute sehen, daß sich vor ihren staunenden
Augen mehr und mehr Bestandteile der Wirklichkeit in Software auflösen.

Holger van der Boom